Hotel Alpha

STORY 6: Auf dem Vorplatz des Alpha (1984)

Sie quatschten mich an wie üblich. Der Typ hatte einen grauen Anzug mit Krawatte, eine große Brille und eine schicke Frisur. »Haben Sie gesehen, was passiert ist, Schätzchen?«
Ich habe es eigentlich nicht so gern, von fremden Männern mit »Schätzchen« angesprochen zu werden, aber ab einem gewissen Alter passiert einem das eben. Egal, das ist es wert.
»Ja«, antwortete ich, »ich war dort oben, im dritten Stock. Als ich den Rauch gerochen habe, habe ich mein Zimmer verlassen und bin die Treppen hinuntergerannt – na ja, so schnell man in meinem Alter eben rennen kann –, weil man doch bei einem Brand keinen Lift benutzen soll. Ich habe hinaufgeschaut zu den Galerien, und alle sind …«
»Ganz wunderbar«, sagte der Brillenmann und gab seiner Kameracrew und den Aufnahmeleitern einen Wink. »Merken Sie sich das, Liebes, das ist genau das, was wir brauchen.«
Ich plapperte noch ein bisschen weiter, wie ein dummes kleines Vögelchen, während sie ihre Ausrüstung so aufstellten, dass sie die evakuierten Gäste ins Bild bekamen, die überall herumliefen, und das wunderschöne Mauerwerk des Gebäudes, was sie am Anfang ihres Beitrags einblenden würden. Dann sagte der Reporter zu mir: »Erzählen Sie mir einfach, was Sie gesehen haben, Liebes, und denken Sie gar nicht an die Kameras. Machen Sie sich keine Sorgen, das ist nicht live, wir können das auch noch mal wiederholen.« Das sagen sie immer.
Sie baten mich, ein Formular zu unterschreiben, und der Tontechniker hob ein großes Mikrofon an einer Tonangel über meinen Kopf, während der Reporter mir das kleine Handmikrofon, das in Wirklichkeit nur der Optik dient, vors Gesicht hielt.
»Brenda Rogers«, sagte ich auf die Frage nach meinem Namen ins Mikrofon. Das verwenden die sowieso nie, das ist nur für ihre Unterlagen und den Soundcheck.
Dann ging es los. »Können Sie uns in Ihren eigenen Worten schildern, was Sie gesehen haben?«
Auch das sagen sie oft. Als ob ich die Worte von jemand anderem verwenden würde! Na ja, vermutlich wollten sie nur, dass ich mich entspanne.
»Ich war gerade in meinem Zimmer«, erzählte ich dem Mann mit Anzug und Krawatte, der dazu mitfühlend nickte. »Ich hörte einen Tumult draußen und lief hinaus auf die Galerie. Man konnte den Rauch riechen.« Ich änderte meine ursprüngliche Version, dass es der Rauch war, der mich alarmiert hatte, ein wenig ab, weil ich nicht sicher war, ob man ihn bei geschlossener Tür wirklich riechen konnte. »Ich lief die Treppen hinunter, weil man bei einem Brand den Lift nicht benutzen soll«, erklärte ich. Der Reporter lächelte mir zu, er hielt mich sicher für eine ausgesprochen nette alte Dame. »Es herrschte absolutes Chaos«, sagte ich. Den Satz habe ich schon öfter benutzt, der passt im Prinzip bei jedem Unglück. »Die Leute schrien.« Der war auch nie fehl am Platz.
Es ging ganz schnell über die Bühne. Der Techniker setzte die Tonangel ab, schimpfte über ihr Gewicht und zündete sich eine Zigarette an – was ich unter den gegebenen Umständen amüsant fand. Beim Feuer in Deptford war es das Gleiche – die Leute lassen sich wirklich durch nichts vom Rauchen abhalten.
Der Anzugmann bedankte sich und riet mir, in den Nachrichten morgen früh nach dem Beitrag Ausschau zu halten. Als wüsste ich nicht selbst, wo ich ihn zu sehen bekomme. Er konnte noch nicht mit Sicherheit sagen, ob sie die Szene mit mir verwenden würden, aber er hielt es für wahrscheinlich. Ich auch, denn eine alte Dame ist genau das, wonach sie suchen. Auch wenn ich in Wahrheit erst fünfzig bin – also überhaupt noch nicht alt. Aber ich sehe älter aus, und das wollen sie haben. Eine, die aussieht, als lebe sie schon sehr lange in London und habe wirklich schon viel erlebt, aber so etwas noch nie. Nach mir ist dann wahrscheinlich ein junger Mann an der Reihe. Ja, zu einem forschen jüngeren Zeugen passe ich sehr gut, und darum habe ich vermutlich so eine stolze Bilanz vorzuweisen: fünf Katastrophen, fünf Auftritte in den Nachrichten.
Diesmal war es ganz einfach, rechtzeitig herzukommen, um die Zeugin zu spielen. Ich war ganz in der Nähe in Marylbone, und jemand an der Bushaltestelle hatte just den Rauch aus den oberen Fenstern kommen sehen. Ich bin dann gleich mit einem Taxi rübergefahren. Geschwindigkeit ist alles. Bei der Sache in Deptford hätte ich es fast nicht mehr geschafft, aber dann gingen ihnen die Gesprächspartner aus, weil keiner wild darauf war, ins Fernsehen zu kommen. Bei den Aufständen in Brixton war es auch einfach, weil sie so lange dauerten und weil keiner damit gerechnet hatte, mittendrin jemanden wie mich anzutreffen. Und ja, auch diesmal hätte es praktisch nicht besser laufen können. Ich darf nicht vergessen, den Fernseher vor den Nachrichten ein paar Minuten warmlaufen zu lassen, damit das Bild auch gut ist.
Falls sie es wirklich senden, lasse ich mal besser ein paar Monate ins Land ziehen, bevor ich es wieder mache. Nur damit niemand Lunte riecht. Auch wenn ich mir das nicht wirklich vorstellen kann. Abgesehen davon kann es sowieso dauern, bis wieder etwas passiert. Es ist ja nicht so, dass ich diese Katastrophen nach Belieben auslösen könnte. Ich versuche nur, so schnell wie möglich hinzukommen, wenn ich von einer höre, und dann gebe ich als Augenzeugin mein Bestes.


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog