Hotel Alpha

STORY 62: Zimmer 41 (1988)

Sie sagt: »Was denkst du?«
Er sagt: »Ich wollte gerade den Fernseher einschalten.«
Sie sagt: »Ach was, so viel bedeutet es dir also? Eine schnelle Nummer schieben und dann Fernseher einschalten?«
Er sagt lachend: »Halt den Mund.«
Sie sagt ebenfalls lachend: »Ich wusste ja, dass du ein Romantiker bist.«
Er sagt: »Und wo ist die Fernbedienung?«
Sie sagt: »Was?«
Er sagt: »Na die Fernbedienung. Das kleine Kästchen.«
Sie sagt: »Keine Ahnung. Kannst du nicht einfach aufstehen und den Fernseher einschalten?«
Er sagt: »Ich mag nicht. Ich mag jetzt nicht aufstehen. Ich will die Fernbedienung. Wie kann die denn nicht da sein? Ich meine, warum können sie die nicht da hinlegen, wo man sie gleich findet?«
Sie sagt: »Ich vermute, das Zimmermädchen hat sie weggeräumt.«
Er sagt: »Warum zum Teufel sollte sie das tun?«

Sie rollt mit den Augen und schließt sie dann einen Moment lang. Als sie sie wieder öffnet, wühlt er immer noch herum und mault vor sich hin, und das, obwohl es noch keine sieben Minuten her zu sein scheint, dass er in ihr war und »Ich kann ohne dich nicht leben« und »So gut war es noch nie« sagte.

Sie sagt: »Willst du, dass ich ihn einschalte?«
Er sagt: »Es ist ja nicht so, dass ich nicht wüsste, wie es geht.«
Sie sagt: »Schon gut, du Sensibelchen.«
Er sagt: »Ich möchte bloß wissen, wo … ich hasse das, wenn Dinge einfach verschwinden. Wie du ja weißt.«
Sie sagt noch einmal: »Schon gut, du Sensibelchen.«
Er sagt: »Versuchst du absichtlich, mir auf die Eier zu gehen?«
Sie sagt: »Im Gegensatz zum versehentlichen Versuchen?«
Er sagt: »Für dich ist wohl alles ein Scherz, was?«
Sie sagt: »Es fällt mir nur schwer, es ernst zu nehmen, wie sehr dich die Suche nach der Fernbedienung quält, während du splitternackt durchs Zimmer rennst.«
Er sagt: »Also habe ich recht – alles ist ein Scherz.«
Sie sagt, während sie sich ein wenig aufrichtet: »Was meinst du damit?«
Er sagt: »Na, deine ganze Familie besteht doch nur aus Witzbolden.«
Sie sagt: »Ich dachte, du magst sie. Du tust immer so, als würdest du sie mögen.«
Zum ersten Mal seit Beginn der Unterhaltung sehen sie sich an.
Er sagt: »Es ist nicht so, dass ich sie hasse.«
Sie sagt: »Na großartig! Du hasst meine Familie nicht. Danke schön!«
Er sagt: »Ich finde nur …«
Sie sagt: »Du findest nur …?«
Er sagt: »Wenn ich da bin, habe ich ständig das Gefühl, dass ich eure Witze nicht kapiere. Und dass alle auf mich herabsehen, eben weil ich sie nicht kapiere.«
Sie sagt: »So sind Familien eben.«
Er sagt: »So ist deine Familie.«
Sie sagt: »Wie genau ist meine Familie, Tom?«
Sie hat die Bettdecke bis zum Kinn gezogen und sich darin eingemummelt. Er ist in die Jeans geschlüpft und lehnt mit dem Rücken an der Wand zum Badezimmer.
Er sagt: »Ich weiß nicht. Vielleicht ist das etwas typisch Jüdisches.«
Sie sagt nach geraumem Schweigen: »Vielleicht ist das etwas typisch Jüdisches? Was zum Teufel ist etwas typisch Jüdisches?«
Er sagt: »Na ja, ich weiß nicht, so eine eingeschworene … ach, was weiß ich.«
Sie sagt: »Das kann ja wohl nicht wahr sein!«
Er sagt: »Ach so, ich bin sensibel wegen der Fernbedienung, aber du darfst hysterisch werden, weil du jüdisch bist.«
Sie sagt: »Das ist aber nicht genau dasselbe, oder, Tom?«
Er sagt: »Ich kapier einfach nicht, warum du dich über dieses jüdische … so aufregst … darüber, dass ich das erwähne … wo du doch nie in die Synagoge gehst und praktisch 363 Tage im Jahr nichts damit zu tun hast und mir gesagt hast, dass du nicht mal an Gott glaubst oder an …«
Sie sagt: »Beim Judentum geht es nicht um den Glauben an Gott! Es bildet den kulturellen Hintergrund für alles, was man tut. Man hat es im Blut. Es betrifft Jahrhunderte meiner Familie, inklusive der Generationen, die ausgelöscht wurden.«
Er sagt: »Wie genau sind wir jetzt von der Fernbedienung zum Holocaust gekommen?«
Sie sagt: »Ach, und ich soll die sein, die alles ins Lächerliche zieht?«
Er sagt: »Ich ziehe gar nichts ins Lächerliche. Ich denke nur, dass unser Gespräch ein bisschen aus den Fugen geraten ist, das ist alles.«
Sie sagt: »Und warum macht deine Mutter immer, wenn wir kommen, diese gruselige Scheißlasagne? Ist das was typisch Protestantisches? Oder wie dein Vater uns jedes Mal die dämlichen Dias von seinem Vogel … seiner Vogelsache da …«
Er sagt: »Vogelhaus.«
Sie sagt: »Seine Scheißkackdrecksvögel. Ist das auch was Typisches? Was hältst du davon, wenn ich sagen würde: ›Sag mal Maggie, liegt es daran, dass du aus Nordirland kommst, weil du ums Verrecken nicht kochen kannst?‹«
Er sagt: »Ihre Lasagne ist in Ordnung.«
Sie sagt: »Sie ist eine verdammte Katastrophe! Das könnte auch eine Suppe sein, so wenig Nudelplatten nimmt sie. Es ist einfach nur Matsch!«
Er sagt: »Und die ganzen sechs Male, die sie die Lasagne inzwischen gemacht hat, hast du nie einen Ton gesagt? Und stattdessen geschmollt, typisch Frau, aber im Geiste Buch geführt, wie oft du das angeblich hast essen müssen, und dann irgendwann, in einem Streit, …«
Sie sagt: »Typisch Frau, typisch jüdisch! Scheiße, Tom, ich dachte … Himmel noch mal.«
Er sagt: »Gaby.«
Sie sagt: »Nenn mich nicht Gaby.«
Er sagt: »Wie denn sonst?«
Sie sagt: »Wie wäre es, wenn wir eine Zeit lang gar nicht reden, Schatz, dann müssten wir dieses Problem nicht auch noch lösen.«
Er sagt: »Gaby …«
Immer noch in die Decke gewickelt steigt sie aus dem Bett, geht hinter ihm vorbei ins Badezimmer und sperrt die Tür zu. Er versucht es noch ein paarmal mit ihrem Namen, aber er bekommt keine Antwort. Sie hat nicht angefangen zu weinen oder so. Sie tut gar nichts. Sie wird einfach dort bleiben, bis er einen Weg findet, den Schaden wiedergutzumachen, den er in den fünfzehn Minuten angerichtet hat, nachdem er den großartigsten Sex seines Lebens mit ihr hatte.
Er seufzt und lässt sich an der Wand zu Boden sinken, bis er mit dem Hintern an die Fußleiste stößt. Von hier aus kann er das kleine schwarze Kästchen sehen, mit dem man den Fernseher bedient. Es liegt auf dem Boden neben dem Bett, wo es vermutlich hingefallen ist, während sie ihren Spaß hatten.


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