Hotel Alpha

STORY 63: Wellness-Suite (Fitnessraum) (1995)

Als er damit anfing, kam ihm das Laufen auf dem Laufband wie die unnatürlichste Tätigkeit der Welt vor. Fünf Jahre später haben sich seine Füße so an den Schub des Bandes gewöhnt, dass es sich für ihn ehrlich gesagt natürlicher anfühlt als das Laufen auf normalem Untergrund, ganz zu schweigen von Parks oder Flussufern mit ihrer unberechenbaren Geländeneigung und Bodenbeschaffenheit. Die Laufmaschine ist so wunderbar neutral. Da springt einen nicht plötzlich eine Überraschung an. Abgesehen von einer nüchternen Analyse seiner Leistung gibt sie auch keine Kommentare ab. Manchmal muss er lächeln, wenn er das Fitnesscenter betritt, weil er sich vorstellt, dass das Laufband sich ebenso aufgewärmt hat wie er, dass es sich durch Dehnen und Summen auf ihn vorbereitet. Dass es genauso aufgeregt und aufgekratzt ist wie er.
267 Pfund – so viel Walt Hirsch gab es, als er und Helen vor fünf Jahren hier im Restaurant jenes Gespräch über sein Gewicht führten. Es ist Zufall, dass er wieder in London ist, aber kein Zufall, dass er ins Alpha zurückgekommen ist. Er hat sich diesen Augenblick gewünscht. Er erinnert sich noch daran, wie es sich anfühlte, als er am Tag danach Trainingshosen und T-Shirt kaufte – schon allein beim Gang in das Sportgeschäft kam er sich saublöd vor – und dann hier herunter in die Wellness-Suite kam und die Geräte anstarrte. Wie er seinen schwitzenden Körper schließlich auf eines der Bänder wuchtete, das Ding per Knopfdruck in Gang setzte und selbst die Schrittgeschwindigkeit ihn völlig außer Atem brachte. Und wie er kaum eine Minute später den Knopf wieder drückte, um das Laufband anzuhalten, als eine durchtrainiert wirkende Frau hereinkam und ihm – ob absichtlich oder nicht – einen vernichtenden Blick aus den Augenwinkeln zuwarf.
Das war damals. Und heute? 168 Pfund. 99 weniger. 168 Pfund, 1,80 Meter groß. Genau das richtige Verhältnis von Größe und Gewicht. Drei lange Läufe und einmal Schwimmen pro Woche. Zwei Marathonläufe, in Boston und New York, hat er hinter sich, und nächstes Jahr steht London auf dem Programm, wenn er einen Startplatz bekommt, ansonsten halt im Jahr darauf.
Nun piesackt er Helen wegen ihrer Essgewohnheiten, wegen des Glases Wein, das sie zum Abendessen trinkt, wegen des Joggings, auf das sie verzichtet, weil es regnet, wegen ihres Tennisabends, den sie ausfallen lässt, weil sie Frasier sehen will. Piesacken ist vielleicht nicht das richtige Wort. Er will ihr nur helfen, der Mensch zu werden, der sie sein könnte. Aber natürlich nervt sie das fürchterlich. Daran muss Walt denken, als er das Laufband auf seine gewohnte Geschwindigkeit von 11 Kilometern pro Stunde einstellt und rhythmisch zu atmen beginnt. Er hat dafür eine Formel, die er vor einigen Jahren mithilfe seines Trainers Frank entdeckte. »Such dir ein Wort, ein kurzes, ein oder zwei Silben«, riet ihm Frank. »Versuch dann, deinen Atem dieses Wort sprechen zu lassen, wenn du verstehst, was ich meine. Beim Ausatmen wiederholst du immer wieder dieses Wort, dadurch gewöhnst du dir einen regelmäßigen Atemrhythmus an.«
Er hat verschiedene Wörter ausprobiert. »Rettich« hatte die richtige Länge, war aber zu albern. Man kann nicht 45 Minuten lang laufen und ununterbrochen »Rettich« vor sich hinsagen. Er hat auch mit »Jesus« experimentiert, weil er hoffte, das würde ihm in schwierigen Augenblicken eine Extraportion Kraft verleihen, aber nachdem er den Namen des Erlösers eine geraume Zeit wiederholt hatte, bekam dieser etwas Bedrohliches. Und dann lief ihm dieser Typ über den Weg, Huey, mit dem er auf einer Konferenz in Santa Fe Blackjack spielen ging. Mit Huey verstand er sich großartig. Inzwischen arbeiten sie zusammen: Sie stellen eine Firma auf die Beine, die Motivationsredner an Colleges und Firmen vermittelt. Für die soll sich Walt eigentlich einen Namen überlegen – er muss Huey nachher um neun Uhr seiner Zeit anrufen. Jedenfalls hat er es, als er wieder zu Hause in Sarasota war, mit dem Namen seines Freundes probiert. Er atmete immer Hu-ey, Hu-ey aus, wenn seine Füße auf den harten Boden trafen, und es funktionierte Eins-a. Es funktioniert immer noch Eins-a. Obwohl er das Huey nie verraten wird. Er würde ihn ohne Ende aufziehen deswegen.
Huey! Einatmen. Huey! Einatmen.
Ja, und das Lustigste an der Sache ist – er nimmt einen großen Schluck Wasser –, dass Helen all das angestoßen hat. Sie hat ihn dazu gebracht abzunehmen. Und ihn damit den ersten Schritt in Richtung Selbstverwirklichung tun lassen, deren Gipfel er gerade erklimmt und bei der er andere nun unterstützt. Und ist sie zufrieden? Nein, sie findet, dass er sich zu einer Nervensäge entwickelt hat. Sie nimmt ihm übel, dass er läuft, statt mit ihr auf dem Sofa zu sitzen. Seine Sportkumpels und Huey und all die inspirierenden Menschen, mit denen er sich umgibt, sind ihr höchst suspekt.
Es sei, als habe er eine religiöse Bekehrung hinter sich, hat sie sich neulich beklagt. Na gut, das mag schon sein, hat Walt geantwortet – er streitet neuerdings nicht mehr so oft, sondern versucht, in den Äußerungen seines Gegenübers das Positive zu sehen. Schon möglich, dass es ein wenig in die Richtung geht. Denn wenn man erst mal zum Glauben an Gott gefunden hat, erkennt man, wie sinnlos das bisherige Leben war. Bei ihm ist es vergleichbar. Wenn man sich erst einmal kerngesund fühlt, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie man es in einer schlechteren Verfassung überhaupt ausgehalten hat. Und diese Erfahrung möchte man anderen Menschen ersparen.
»Ein bisschen abzunehmen ist etwas anderes, als zu Gott zu finden, Walt«, entgegnete Helen gereizt. »Ich wünschte, du würdest so etwas nicht sagen.«
Es ist schon seltsam – Huey! Huey! Und ein großer Schluck Energydrink – es ist merkwürdig, dass man dem Menschen, der zu sein man bestimmt ist, immer näherkommen kann und sich während dieser Entwicklung zugleich von dem Menschen, dem man bisher am nächsten war, entfernt. Und sie haben sich voneinander entfernt, so wenig ihm dieser Gedanke auch gefällt. Es ist, als sei die ganze Zeit, die er glücklich mit Helen verheiratet war, Helen nur mit einem sehr unvollkommenen Walt glücklich gewesen. Und jetzt, wo es den perfekten Walt gibt, mag sie ihn nicht mehr. Wie jemand, der immer nur Discounter-Cola trinkt, bis er den Geschmack von echtem Coke nicht mehr zu schätzen weiß.
Er läuft acht Kilometer in 41 Minuten und 48 Sekunden. Als er damit fertig ist, wartet schon jemand auf das Laufband. Walt muss wieder an die Demütigung von vor fünf Jahren denken. Heute Abend würdigt Walt den Typen, der nach ihm das Band benutzt, kaum eines Blickes. Er macht sich noch nicht einmal die Mühe, den Knopf zu drücken, um seine Einstellungen zu löschen. Er hinterlässt seinem Nachfolger seine Zeit und Strecke auf dem Display. Schau ruhig: Ich bin acht Kilometer gelaufen. Kriegst du das auch hin?
Walts Atem hat sich bereits wieder normalisiert, als er quer durch den Raum geht, vorbei an den Gewichten und anderen Maschinen, Richtung Gang, der zu den Massagekabinen und den Räumen führt, wo die Frauen sich ihre Nägel machen lassen und weiß der Himmel was noch alles. Hinter einer unbeschilderten Tür sind diskret die Toiletten untergebracht. Er stellt seine verchromte Wasserflasche ab, verriegelt die Tür und uriniert ausgiebig. Wie üblich ist er nach dem Sport ausgesprochen entspannt, weswegen er bei der Ausrichtung seines Urinstrahls schlampt und ein paar Spritzer den kalt wirkenden Toilettensitz treffen. Er freut sich schon auf das Abendessen in ein paar Stunden, mit dem er die verbrauchten Kalorien wieder auffüllen wird, und auf sein Telefonat mit Huey.
Sein Anstand veranlasst ihn, sich nach der Ersatzrolle Klopapier in der Kabinenecke zu bücken und den Sitz abzuwischen. Während er sich hinunterbeugt, erblickt er etwas Merkwürdiges: einen kleinen Buchstaben, ein l, das sorgfältig in rostroter Farbe auf eine der Fliesen der Rückwand geschrieben ist. Es ist bereits so verblasst, dass man es kaum mehr lesen kann, und so weit unten, dass man es nicht einmal bemerken würde, wenn man auf der Kloschüssel säße, außer man würde sich auf akrobatische Weise umdrehen. Aber irgendwer hat es dort nicht ohne Grund hingeschrieben.
Walt richtet sich auf, sieht sich die ungefliesten Wände rechts und links an und – nanu! Oben in der Ecke steht beinahe unsichtbar in der gleichen Schrift ein kleines a. Er muss sehr genau hinsehen und blinzelt, um sicherzugehen, dass es wirklich da ist, nicht nur eine Täuschung durch die Beleuchtung. Aber es ist wirklich da. Ein kleines a und ein l.
Jetzt ist Walt überzeugt, dass es hier etwas gibt, das zu lesen ihm bestimmt ist: eine Botschaft für ihn. Vielleicht war das nicht vom Schreiber selbst beabsichtigt, aber von Gott oder wer auch immer die unzähligen Handlungen der einzelnen Menschen zu einem großen Plan verwebt. Er kniet sich hin, um die rechte Wand zu untersuchen, die mit deutlich mehr Flecken und Schrammen übersät ist. Doch schließlich findet er es. Noch ein l. A-l-l.
All. Alles.
Er mustert die Tür hinter sich, aber sie ist strahlend sauber, keine Spur von weiteren Buchstaben. Irgendwer hat, wohl schon vor einer Weile, aus Gründen, die er nicht kennt »alles« quer über die drei Wände geschrieben. Er ist nicht so naiv zu glauben, dass es ausgerechnet ihm auffallen sollte oder überhaupt jemand Bestimmtem. Aber es steht da. Alles. Und damit – jetzt wird ihm klar, warum er es war, der es gesehen hat – der Name, den er Huey vorschlagen wird. All. All-Corp. Die Alles-AG.
Gib alles! Tu alles! Sei alles, was du sein kannst. Walt muss grinsen, und dann schenkt er angesichts dieser simplen Lösung dem leeren Raum ein breites Lächeln. Er spült und wirft einen letzten Blick auf die entschlüsselten Symbole. Alles. Er dreht sich um und vergisst in seiner Aufregung die Wasserflasche, die in Zimmer 9 – dem Museum der verlorenen Gegenstände – landen wird. Alles, denkt er. Er kann es nun kaum mehr erwarten, mit Huey zu sprechen.


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