Hotel Alpha

STORY 64: In der Halle (1980)

Wenn das Restaurant wegen irgendeiner Veranstaltung belegt ist, wird das Frühstück manchmal hier draußen serviert. Laurence ist das sogar lieber, vor allem, weil hier sehr lax kontrolliert wird. Er nähert sich dem kleinen Stehpult, auf dem eine mit der Schreibmaschine getippte, nach Zimmern sortierte Gästeliste deponiert ist. Dahinter steht ein Mädchen mit Haarknoten. Laurence (früher auch bekannt unter den Namen Saunders, Fraser, de Montfort und mindestens zehn weiteren) riecht gebratenen Speck und hört das Geklapper von Messern und Gabeln auf den Tellern – ein Geräusch, das die meisten Menschen wohl als vornehm bezeichnen würden, das bei ihm aber seinen leeren Magen und seinen quälenden Hunger in Erinnerung ruft. Seit vier Tagen hat er nichts anderes bekommen als eine Tüte altbackener Brötchen aus dem Abfall einer Bäckerei, ein paar Äpfel und eine Tafel Schokolade. Durst ist kein Problem, denn Wasser bekommt man überall. Aber den Hunger, den kriegt man nicht in den Griff, der macht einen schließlich mürbe. Darum ist er hergekommen, obwohl er in der Regel nicht dorthin zurückkehrt, wo er schon einmal war. Er ist bereits zum dritten Mal im Alpha. Er hatte als Saunders hier gewohnt und nicht bezahlt. Drei, vier Jahre später tauchte er wieder auf, verkleidet mit einer Hornbrille und einem großen schwarzen Mantel, und machte sich die Mondlandung zunutze – das ist nun mehr als zehn Jahre her. Er ist überrascht, dass immer noch derselbe Portier hier ist und immer noch genauso aussieht. Er dagegen, Saunders/Fraser/de Montfort/Lewis/Cockerton/Francis usw., sieht ganz anders aus. Älter.
»Wären Sie so nett, mir Ihre Zimmernummer zu sagen?«, bittet das Mädchen.
»33«, antwortet er ohne zu zögern, da er die Liste gesehen hat, während sie mit jemand anderem beschäftigt war.
»Und Ihr Name?«
»Marquez.«
Damit ist die unsichtbare Schranke überwunden, und er hat eine überwältigende Auswahl vor sich: kalter Braten, Obst, Waffeln, Brötchen, Tee und Kaffee, Muffins, Gebäck, und dazu kann man auch noch warme Speisen bestellen, wenn man möchte. Dieses Risiko wird er natürlich nicht eingehen, denn der echte Marquez aus Zimmer 33 kann jeden Moment auftauchen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, aber doch möglich. Bis dahin muss er hier weg sein. Er wird sich so viel auf den Teller laden wie möglich und zusätzlich noch etwas in die Tasche stopfen. Es wird zwei oder drei Tage dauern, bevor er wieder so hungrig ist, dass er seinen Trick in einem anderen sorgfältig ausgewählten Hotel wiederholt.


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