Hotel Alpha

STORY 65: Zimmer 25 (1995)

Ein schlechtes Gewissen sollte er schon haben, findet Takumi, dass er ausgerechnet die Bibel benützt, um eine Linie Koks darauf zu hacken, aber sie hat eben genau die richtige Größe, und das Tolle ist, er kann sie einfach in die Schublade zurücklegen und sicher sein, dass sie eine ganze Weile kein anderer in die Hand nehmen wird. Wenn man es dagegen auf einer Ablagefläche im Badezimmer oder auf dem Beistelltisch oder Nachtkästchen macht, besteht eine – zumindest geringe – Wahrscheinlichkeit, dass Spuren darauf entdeckt und zu ihm zurückverfolgt werden könnten. Und es sind gerade die ganz unwahrscheinlichen Zufälle, die einen zu Fall bringen. Takumi ist schließlich nicht so reich geworden, weil er solche Details übersehen hätte.
»Bist du sicher?«, fragt Yui auf Japanisch.
»Es ist perfekt. Darum nennen sie es das Buch der Bücher.« In ihrer Sprache funktioniert der Witz nicht so gut, aber er funktioniert, und Yui lacht mit gespielter Entrüstung, weswegen Takumi sie mit einer Geste zum Verstummen bringt.
»Sei still. Ich glaube, da draußen ist wieder diese Frau.«
Er hat heute mehrmals Schritte auf dem Gang vernommen. Er ist schließlich nicht so reich geworden, weil er potenzielle Feinde übersehen hätte.
»Wir sind sicher«, sagt Yui. »Mit dem Schild an der Tür sind wir sicher.«
Das stimmt: BITTE NICHT STÖREN wappnet einen wirklich gegen alles. Kein Hotelangestellter wird jemals diese drei Wörter infrage stellen. Was er nicht schon alles hinter einem BITTE-NICHT-STÖREN-Schild angestellt hat.
»Willst du anfangen?«, fragt Takumi und hält ihr das Buch hin, auf dem weißes Pulver im Wert von mehreren hundert Pfund liegt und in dessen Innerem wohlverwahrt und immer noch unentdeckt Agathas Zettel steckt.


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