Hotel Alpha

STORY 66: Zimmer 37 (2003)

Als er aufwacht, glaubt er zuerst, er könne sich überhaupt nicht bewegen. Er starrt an die Decke – so ausdauernd, als würde sie irgendwann Mitleid mit ihm bekommen, und dann würde auf dem Putz eine tröstliche Botschaft erscheinen. Wie auf diesen Leuchtreklamen am Piccadilly Circus, wo sie ab und an persönliche Nachrichten einblenden. Oder hat er das nur geträumt?
Er stellt fest, dass er sich doch bewegen kann, aber diese Erkenntnis erreicht ihn in Form von Schmerz. Er kann sich bewegen, aber in seinem Schädel hämmert es. Jeder Atemzug fühlt sich an wie ein Schlag auf die Brust. Je mehr Klarheit sein Bewusstsein zurückgewinnt, desto mehr wünscht er sich, es wieder zu verlieren. Jede weitere Minute bringt weitere, neue Schmerzen mit sich. Er hievt seine Beine und seinen Unterleib über das große Bett, jeder Zentimeter ein kleiner Kampf, bis er das Wasserglas auf dem Tisch erreichen kann. Doch als er es endlich in der Hand hält, erscheint es ihm wie eine zusätzliche, fast nicht zu bewältigende Anstrengung, es zum Mund zu führen und einen Schluck zu nehmen. Er täuscht sich beim Neigungswinkel, und auf sein Kinn tropft ein wenig Wasser, das über seinen Hals auf seine nackte Brust rinnt. Er sagt laut »Scheiße«. Auch das Sprechen tut weh. Es tut weh, überhaupt zu existieren.
Dreißigtausend Pfund.
Dreißig Riesen hat ihm die Südafrikanerin angeboten, damit er den Kampf verliert. Das ist mehr, als er für den Sieg bekommen hätte. Dreißig Riesen. Woher hat jemand so viel Geld, um einen Kampf zu manipulieren? Es liegt am Internet, hat Harry, sein Trainer, gesagt. Die Südafrikanerin fungierte als Mittelsmann. Beziehungsweise Mittelsfrau. Mit dem Internet können die Leute jetzt auf Kämpfe wetten. Nicht wie früher einen Fünfer beim Wettbüro um die Ecke, sondern riesige Summen. Je unbedeutender der Kampf, desto attraktiver ist es, darauf zu wetten … Wie nennt man die noch mal – diese Gangs, die wetten? Weil bei einem unwichtigen Kampf weniger Kontrollen stattfinden. Dann sind die Chancen größer, mit diesen krummen Geschäften davonzukommen. Die schauen sich die Kämpfe nicht einmal an, diese Leute, die ihr Geld mit dem Wetten verdienen. Sie befinden sich nicht mal hier im Land. Sie sitzen in Singapur, Indien, Hongkong. Das machen die zwanzig Mal pro Woche.
Davon sagte die Südafrikanerin aber nichts. Das hat Harry erst später herausgefunden. Sie sagte nur, wenn du in der fünften Runde einen Schlag einsteckst und zu Boden gehst, kriegst du 30000 Pfund. Sie zeigte ihnen die halbe Summe, einen Umschlag mit Geld, wie man das aus Filmen kennt. Aber als sie ihn vor zwei Wochen in der Hotelbar öffnete, und sie einen kurzen Blick hineinwerfen ließ, um zu beweisen, dass sie es ernst meinte, dachte er nicht an einen Film. Vielmehr erinnerte er sich an seine Kindheit: Er war aufs Postamt gegangen, hatte dem Beamten das verknickte blaue Büchlein überreicht und die Hälfte seiner Ersparnisse über den Schalter geschoben bekommen. Dreißig Pfund. Damit hatte er sich das erste Paar Handschuhe gekauft. Er blickte auf die 15000 Pfund in Zwanziger-Bündeln, die die Frau ihm hinhielt, dachte daran, wie die Fünfer ausgesehen und sich angefühlt hatten, die ihm der Postbeamte überreicht hatte, und wünschte, er könne wieder Kind sein.
Er entschied sich auf der Stelle gegen das Geld. Er ist ein ehrlicher Sportler. Er geht in einen Zweikampf, um zu gewinnen. Wenn du erst einmal damit anfängt, dich bestechen zu lassen, wenn du auch nur darüber nachdenkst, dann bist du kein Kämpfer mehr. Dann wirst du ein anderer Mensch. Dann könntest du genauso gut das Boxen aufgeben und dein Geld mit Raubüberfällen verdienen. Denk an deinen Stolz. Überleg dir, wie es sein wird, wenn du nach all dem Training, nach Jahren der Schufterei, in den Spiegel schaust und weißt, du hast ein K. o. vorgetäuscht. Dann kannst du gleich nach Hause fahren und im Kinderzimmer das Poster von der Wand reißen, auf dem Muhammad Ali abgebildet ist, wie er die Arme triumphierend in die Höhe streckt. Das alles hat Harry gesagt, und er hat ihm zugestimmt. Er hat nicht einmal den Gedanken an die 30000 Pfund zugelassen. Es ist schließlich nicht so, dass dir dieses Geld schon jemals gehört hätte, hat er sich gesagt. Niemand hat es dir weggenommen. Du hast völlig zu Recht entschieden, es nicht anzunehmen.
Am Tag des Kampfes hat er das Übliche gemacht. Er ist zum Wiegen gegangen und hat den Gegner so lange angestarrt, bis der wegsah. Dessen gebrochene Nase und eine gewisse Verwundbarkeit, die er in seinen Augen zu erkennen glaubte, hat ihm Mut gemacht. Der Kerl hatte zweiundzwanzig Siege und vier Niederlagen auf dem Konto. Was gut klingt, wenn man davon absieht, dass drei der vier Niederlagen durch K. o. waren. Drei Leute vor ihm hatten den Kerl schon zerlegt, und er hatte das Gefühl, er könnte das auch. Als sie in den Ring stiegen, dachte er nicht einmal mehr an die versuchte Bestechung, an die 30000. Es war nicht mehr wichtig.
Da waren ein paar tausend grölende Zuschauer, da war Harry in der Ecke, der Geruch nach abgestandenem Bier und Schweiß, und er und sein Gegner wechselten diesen merkwürdigen Blick, der Boxern zu eigen ist: Das Wissen, dass sie sich gleich gegenseitig grün und blau schlagen würden, aber ohne echte Feindseligkeit. Sie sahen sich an wie zwei Geschäftspartner, die gleich zusammen ein Flugzeug besteigen würden. Dann ertönte der Gong, und sie verbrachten ein paar Runden mit Rangeleien und Ausweichmanövern. Vor Runde vier sagte Harry ihm, dass er die Oberhand hätte und dem anderen jetzt an die Kehle müsse.
Und dann … er weiß nicht, ob es just wegen Runde fünf war, der Runde, in der er zu Boden hätte gehen müssen, wenn er das Geld genommen hätte. Er weiß nicht, ob vielleicht, als sich beim Gong dieser Gedanke unaufhaltsam in seinen Kopf drängte, seine Aufmerksamkeit einen Moment nachließ und er genau die halbe Sekunde abgelenkt war, die genügt, um einen Kampf zu verlieren. Auf jeden Fall kam dann der entscheidende Haken, schonungslos wie ein Huftritt. Er nahm ihn nicht einmal als einen Schlag wahr, mehr als einen weißen Blitz aus Schmerz, und dann brach er zusammen.
Und jetzt liegt er hier im Bett wie ein Müllsack in einer Hofeinfahrt und starrt an die noch immer weiße Decke. Er schließt seine Augen, aber das macht es noch schlimmer. Er öffnet sie wieder und stellt sich vor, wie die Frau gelacht haben muss, als sie herausfand, dass er abgelehnt hatte, für verdammte 30000 Pfund in der fünften Runde absichtlich zu verlieren, um es dann schließlich unbeabsichtigt und unbezahlt zu tun.


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