Hotel Alpha

STORY 67: In der Halle (1997)

Als Hutch über den Boden im Schachbrettmuster hastet, weil sie wie üblich keine Sekunde Zeit zu verlieren hat, stößt sie mit jemandem zusammen, der in eines dieser neumodischen Mobiltelefone hineinspricht, worauf ihr ihre Handtasche davonsegelt. Geldstücke regnen heraus und rollen in alle Richtungen. Noch bevor sie ihre Tasche wieder aufheben kann, ist bereits ein junger Mann auf allen vieren und sammelt ihr Kleingeld wieder ein. Da er vermutlich fünfzehn oder zwanzig Jahre jünger ist als sie, verzeiht sie ihm gerne den ihrer Meinung nach frechen Blick auf ihr Kleid, das sehr kurz geschnitten und damit ungeeignet ist, um auf dem Boden herumzukriechen. Vielleicht hat sie es sich auch nur eingebildet. Vielleicht schmeichelt sie sich damit nur selbst. Sie hält sehr viele Vorträge über ein positives Selbstbild. Damit wird sie sich auch später am heutigen Tag noch beschäftigen, im ersten einer Reihe von Vorträgen für die All-Corporation. Bei so viel positivem Denken muss man auf der Hut sein, nicht der Selbsttäuschung zu erliegen.
Als sie und der gut aussehende junge Mann wieder aufrecht stehen, sind ihrer beider Gesichter gerötet, insbesondere seines. Er lässt die eingesammelten Münzen in ihre geöffneten Hände gleiten. Es sind so viele, dass ein paar davon wieder auf den Boden fallen – sie muss an diese Spielautomaten denken, die unablässig Geld im Kreis herumschieben.
»Oh …«, sagt Hutch.
»Kein Problem«, sagt der hilfsbereite Mann, und sie mustert ihn genauer, als er sich beflissen ein zweites Mal bückt. Ein gut geschnittenes Hemd, eine geschickt gewählte Frisur, Turnschuhe im Used-Look. Seine ganze Erscheinung hat etwas Dreistes – er ist gewitzt, obwohl er vorgibt, es nicht zu sein –, und sein Grinsen ist nun schlicht unverschämt.
»Sehr nett von Ihnen«, sagt Hutch und fügt zu ihrer eigenen Überraschung noch hinzu: »Sie sind ein richtiger Gentleman«, und das in einem Ton, der in ihren Ohren reichlich kokett klingt.
»Ach, ich habe gerade nichts anderes zu tun«, sagt der Bursche und schüttelt sein Haar in einer Weise aus dem Gesicht, die sie zugleich überaus affektiert und, wie alles an ihm, äußerst charmant findet. Er ist noch jünger, als sie zuerst gedacht hat, vielleicht halb so alt wie sie mit ihren 45. Jung genug, um keine Ahnung zu haben; jung genug, um noch zu glauben, dass das, was er tut – gut aussehen und sich in Pose setzen – schon das richtige Leben und nicht nur eine Aufwärmübung ist.
»Was meinen Sie damit?«, fragt sie. Ihre Blicke treffen sich, und die Wärme darin lässt sich diesmal nicht missdeuten: Es ist nichts rein Erotisches, vielleicht sogar überhaupt nichts Erotisches, vielmehr eine gewisse Neugier.
Er zuckt mit den Schultern, genau so, wie sie es erwartet hat. Hätte er einen Pullover, würde er ihn in diesem Moment über seine Schulter werfen. »Das Leben langweilt mich.«
»Entweder ist das eine sehr naive Aussage«, sagt Hutch, »was im Zweifelsfall eher für Sie spricht, oder eine sehr dumme.«
Einen Wimpernschlag lang sieht er aus, als habe sie ihn gekränkt, doch dann gewinnt wieder sein Lächeln die Oberhand, nun durchdrungen von aufrichtiger Belustigung, und er streckt ihr seine Hand entgegen.
»Ich heiße Liam.«
»Viv. Aber ich werde lieber Hutch genannt.«
»Hutch! Sind Sie eine Spionin oder so?«
»Ich bin Motivations-Coach. Ich halte Vorträge darüber, wie man das Beste aus seinem Leben machen kann.«
»Alles klar.« Liam grinst sie an. Er hat ein Grübchen am rechten Mundwinkel, und seine Zähne sind makellos. »Dann halten Sie mir mal einen Vortrag: Wie sorge ich dafür, dass mein Leben weniger langweilig wird?«
»Normalerweise geben mir die Leute dafür eine Menge Geld.«
»Ich habe Ihnen doch Geld gegeben.« Sie muss lachen, als er hinzufügt: »Gehen Sie mit mir in der Bar etwas trinken! Was möchten Sie?«
»Ich habe keine Zeit«, sagt sie und bringt das Gespräch wieder unter ihre Kontrolle – sie ist es nicht gewohnt, diese zu verlieren. »Ich habe eine Verabredung mit einem Klienten und muss einen Vortrag halten. Aber hören Sie: In drei Stunden bin ich wieder hier. Ich möchte, dass wir uns treffen, und dann erzählen Sie mir, was genau Sie beschlossen haben, um das Beste aus Ihrem Leben zu machen. Ihr Leben, Ihre Gesundheit, Ihr Aussehen sind ein großes Geschenk und …«
»Sollte ich vielleicht mehr aus meinem Aussehen machen?«
»Fordern Sie Ihr Glück nicht heraus. Bis in drei Stunden.«
Als Hutch hinausgeht, in diesem Fall ungewöhnlich vorsichtig, um nicht mit ihrer Tasche irgendwo hängen zu bleiben oder mit irgendwem zusammenzustoßen, erinnert sie sich an den Tag, als sie hier hereinkam und beinahe weinend zusammenbrach. Den Raum gibt es hier gar nicht mehr, den Raum, in dem sie Der Augenblick in die Hand nahm und erkannte, dass sie ihr Leben ändern musste. Nun ja, es gibt ihn schon noch, aber er wurde inzwischen zu einem Computerraum aufgewertet. Hutch hat den Eindruck, dass auch sie seither eine Generalüberholung hinter sich hat. Sie erinnert sich an die Person, die erschrak, als sie ihren Schülerinnen in einer Umkleidekabine begegnete, aber nicht mehr an die negativen Gefühle, die das hervorrief. Sie könnte auch ein ganz anderer Mensch sein.
Liam Kennelly beobachtet die Frau dabei, wie sie die Lobby oder das Foyer oder wie man das nennt durchquert. Ha, das müsste eigentlich reichen: Er wird ein neues Wort lernen. Er wird so eine Wörterbuchseite aufrufen. Vielleicht lernt er auch fünf Wörter. Er wird sich mit Hutch treffen – wieso hat eine Frau dieses Alters so einen Spitznamen? – und sie mit fünf neuen Wörtern beeindrucken. Das wird ihm zumindest einen Drink einbringen. Und dann wird er weitersehen. Für seine Verhältnisse sind drei Stunden noch lange hin.


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