Hotel Alpha

STORY 68: Im Keller (1986)

Nach drei Stunden haben sich Siggis Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und sie ist lange genug auf und ab gelaufen, um zu wissen, dass sich der große Raum, in dem sie sich befindet, vermutlich unter der gesamten Hotelhalle erstreckt. Und dass es hier nach Alkohol riecht, obwohl sie erst ein einziges Mal in ihrem Leben Schnaps getrunken hat. So riecht ihr Vater auch, wenn er von Bierfesten nach Hause kommt. Der Geruch war besonders intensiv in dem Schrank, in dem sie die erste Stunde verbracht hat, bevor sie zu dem Schluss kam, dass sie nun vermutlich gefahrlos herauskommen konnte. Inzwischen besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie das Spiel gewonnen hat. Hier unten wird sie niemand finden. Aber zugleich beschleicht sie das Gefühl, es könne sich um einen Pyrrhussieg handeln.
Bei ihren Streifzügen hat sie einen recht guten Eindruck davon bekommen, was für Dinge hier unten gelagert werden. In der Ecke stehen dicke Fässer – ihr Instinkt sagt ihr, dass sie Getränke enthalten –, Flaschenträger und außerdem eine große Anzahl Holzkisten, deren Inhalt sie nicht erraten kann. Sie hat versucht, von einer den Deckel abzuheben, der etwa so groß wie der Fernseher ihrer Eltern ist, aber entweder war er zu schwer oder festgenagelt oder so. Ein paar Möbelstücke stehen herum, einigen fehlt ein Bein, andere sind vielleicht verkratzt: Das lässt sich ohne Licht schwer beurteilen. Sie hat versucht, einen Schalter zu finden, bisher ohne Erfolg. Sie vermutet, dass es hier kein Licht gibt, weil der Raum nur wenig genutzt wird und Strom teuer ist: Das sagt ihr Vater jedenfalls immer. Siggi ist von ihrer detektivischen Leistung höchst beeindruckt. Nicht jede Vierzehnjährige wäre darauf gekommen. Aber die Schlussfolgerungen daraus sind besorgniserregend. Jedenfalls für jemanden in ihrer Lage.
Wenn kaum einer hier runterkommt, wie lange wird es wohl dauern, bis jemand sie findet? Dabei ist sie doch einfach nur direkt unter der Lobby, das ist das Komische daran.
Die Schritte oben hören sich an, als würden die Leute direkt über ihrem Kopf umherlaufen. Sie vernimmt gedämpfte Stimmen. Aber anscheinend kann niemand sie hören. Sie hat schon versucht zu rufen und an die Tür zu hämmern, die sie vor gut drei Stunden so genüsslich zugeschlagen hat. Ihren englischen Gasteltern wäre diese Tür nicht einmal aufgefallen, hat sie sich vorhin gedacht, geschweige denn wären sie mutig genug, die hölzerne Treppe hinunterzusteigen, auf der Kinder definitiv nichts verloren haben, und noch viel weniger würden sie sich auf der Suche nach ihr durch diese Dunkelheit tasten. Cynthia ist eigentlich ein recht nettes Mädchen, aber sie hat ständig Angst, Ärger zu bekommen. Nicht die aufregendste aller Austauschschülerinnen. Und ihre Schwester ist sogar noch schüchterner. Ja, als sie diese Treppe hinunterstieg, während Cynthia ganz langsam (vier … fünf … sechs …) und gerade noch hörbar zählte, hätte sie beinahe laut gelacht vor Begeisterung, so dunkel und abgeschieden war dieser Ort. Doch eben diese Eigenschaften, muss sie zugeben, erscheinen ihr inzwischen viel weniger attraktiv.
Aber noch gibt es keinen Grund zur Panik. Siggi weiß nicht genau, wie lange man es ohne Essen aushält, bevor man verhungert, aber es sind wahrscheinlich sehr viel mehr als drei Stunden. Irgendwann wird sie pinkeln müssen, aber auf den quälend langen Autofahrten, die die sogenannten Sommerurlaube ihrer Eltern immer mit sich bringen, hat sie gelernt, wie man dieses Bedürfnis unendlich lange unterdrücken kann. Kurz vor dem Versteckspiel hat sie eine Cola getrunken, also wird sie nicht verdursten. Sie bezweifelt auch, dass ihr der Sauerstoff ausgehen wird.
Allerdings wird sie einen Mordsärger bekommen, wenn sie hier rauskommt. Ihre Gastfamilie muss inzwischen verrückt vor Angst sein. Entweder das, oder sie haben sie aufgegeben – aber Siggi kann sich nicht wirklich vorstellen, dass Cynthias Vater ihre Eltern anrufen wird, um ihnen mitzuteilen: »Es tut mir furchtbar leid, aber Ihre Tochter ist uns in einem Hotel verloren gegangen.« Nein, sie werden versuchen, sie zu finden. Ganz sicher werden sie das.
Doch als sie im Halbdunkel auf ihre Uhr schielt, sind schon dreieinhalb Stunden vergangen. So ein Glück, dass sie eine Uhr zum Geburtstag bekommen hat. Kaum jemand sonst in ihrer Klasse hat eine. Und ohne wäre es wirklich schwer, hier unten das Zeitgefühl zu behalten.
Siggi seufzt. Sie hat aber auch wirklich Pech. Sie rüttelt noch einmal an der Tür, aber nein, sie hat sich definitiv eingeschlossen, als sie hereingekommen ist, und es gibt offensichtlich keine Methode, sich zu befreien. Sie schreit, lauter als bisher, schlägt mehrfach gegen die Tür und wartet. Nichts geschieht.
Nun hört sie erstmals das sorgenvolle Pochen ihres Herzens; es ist, als wehe ein kalter Luftzug herein. Was würde Thomas sagen? »Du wirst nicht sterben, du Idiotin«, das würde er sagen. Und das stimmt auch. Es stimmt praktisch hundertprozentig. Sie hofft, dass es stimmt.
Ihr Vater hat sie vor so ziemlich allem gewarnt, was in England schiefgehen könnte: Sie fahren auf der falschen Seite, hat er gesagt, also pass auf, wenn du über die Straße gehst. Sie trinken ständig Tee, hat er gesagt. Vielleicht wird jemand Anspielungen auf die Vergangenheit machen, die du vermutlich besser über dich ergehen lässt. Aber er hat ihr nicht gesagt, dass die Engländer derart schlecht im Versteckspiel sind.


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