Hotel Alpha

STORY 7: Auf der Galerie in der zweiten Etage (1969)

»Da seht ihr’s«, grölt Sarah-Jane von der Galerie herunter. »Jetzt sind wir verdammt noch mal auf dem Mond gelandet!«
Fraser hat die Hände in den Taschen seines großen schwarzen Mantels vergraben und beobachtet das Schauspiel ein wenig abseits des aus etwa fünfzig Personen bestehenden Publikums. Das Hotel ist inzwischen bekannt für diese halb geplanten oder spontanen Zusammenkünfte, vor allem in bedeutsamen Augenblicken wie diesen: Auch vor einem Jahr hatten etwa hundert Leute nach oben geblickt, als auf der gleichen Leinwand in den Nachrichten die Ermordung von Martin Luther King verkündet wurde. Das hat Fraser auf die Idee gebracht hierherzukommen.
Von der Etage darunter ertönt ein Zwischenruf, und Sarah-Jane lacht sehr laut ins Mikrofon, das sie so nah an ihren Mund hält, dass es klingt, als schreie einem jemand ins Ohr. »Nein, Klugscheißer, nicht ich bin auf dem Mond gelandet, und Howard auch nicht, obwohl er dazu in der Lage wäre, wenn er es wollte. Aber ich meine … was ich meine … das beweist, dass alles möglich ist. Weil die ganze Welt gesehen hat, wie dieser Mann das Raumschiff verlassen hat und auf dem Mond herumgelaufen ist. Ich meine, der halbe Planet hat sich das angesehen. Sogar die Russen. Sogar der … äh … sogar die Typen, die die Amerikaner hassen.« Sie gestikuliert hilflos herum, weil ihr im Rausch das Wort abhandengekommen ist. Doch irgendwer versteht, was sie sagen will, und ruft es ihr zu. »Genau, danke, den Vietcong meine ich. Es gibt niemanden, der nicht wollte, dass Neil Armstrong da oben rumspaziert. Weil er gesagt hat: ›Ein Schritt für … ein großer Schritt für …‹ Was hat er noch mal gesagt?«
Jemand liefert die Antwort, und wieder lacht das Publikum, das schon seit fast drei Stunden auf die Leinwand starrt und nun die Hälse zur Galerie hochreckt, auf der Sarah-Jane ihre Stegreif-Rede hält. Fraser ist fasziniert von ihr: ihrem unglaublich langen Haar, das über das Geländer fällt wie das Haar von Rapunzel, von ihrem rauen nordenglischen Akzent, davon, dass sie – kann man das sagen? – die Eier hat, da raufzugehen und sich vor allen zu produzieren. Fraser würde nie und nimmer so zu einer Menschenmenge sprechen wollen. Aber das kann er sich schließlich auch nicht erlauben.
»Danke, mein Lieber. Ich habe ein bisschen … ich habe ein paar … ja, das stimmt, nicht nur Neil Armstrong und Buzz Aldrin und … Dings … äh … Michael Collins haben heute was geleistet. Ich hatte sechs Bier! Sechs Bier!«
Dafür bekommt sie vereinzelt männlichen Applaus. Fraser wartet wieder, er ist geradezu hypnotisiert von ihr. Aber er darf nicht warten, er muss schnell sein.
»Also gut … ja … danke schön, aber … Ich wollte wirklich was Wichtiges sagen. Warum ich hier raufgekommen bin und vor Ihnen stehe. Nämlich, als ich noch ein Kind war, war ich ganz anders als die anderen Mädchen, die auf diese Weiberhefte und Ratgeber und Mädelskram abfuhren. Ich hab mich immer für den Weltraum interessiert. Ich hab immer meinem Bruder die Bücher darüber gemopst. Über Weltraumforschung. Wir haben immer diskutiert, ob das irgendwann möglich wäre – ob wir irgendwann auf dem Mond herumspazieren können. Das kam uns total lächerlich vor. Wie Science Fiction. Und schaut uns jetzt an! Hier in diesem Hotel, in London, waren wir gerade Zeuge, dass die Menschheit das hinkriegt, wenn sie … wenn wir alle zusammenhelfen.«
Mach einfach noch ein paar Minuten so weiter, Schätzchen, denkt Fraser, während er zielbewusst die Halle durchstreift, die Tische umkreist, nirgendwo mehr als eine Sekunde stehen bleibt, nicht auffälliger als eine Ameise.
»Ich besorg mir ein Foto von ihm«, verspricht Sarah-Jane, »ein Foto, wie er auf dem Mond rumläuft. Und das kommt in einen Rahmen, und wir hängen es hier im Hotel auf. Und alle, die es sehen – hoffentlich werden alle, die es sehen, verstehen, dass alles möglich ist. Alles ist möglich …« – sie wiederholt sich jetzt, aber noch immer kommt sie damit gut an bei ihren Zuhörern – »wenn wir alle zusammenarbeiten.«
Stimmt genau, denkt Fraser, der jetzt seine Hände wieder in seinen Taschen vergraben hat, während die Menge ihr applaudiert und noch immer von der Leinwand mit diesen unwirklichen Bildern in Bann gezogen wird: Da sind Leute, menschliche Wesen, auf dem Mond! Dem Mond! Zusammenarbeit ist ganz entscheidend, denkt er und verlässt mit zwanzig fremden Brieftaschen das Hotel.


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