Hotel Alpha

STORY 70: Zimmer 62 (1988)

Im Geiste seufzend klopft Mercedes an die Tür. Sie liefert äußerst ungern Bestellungen aufs Zimmer. Sie kann dabei die Tatsache nicht ausblenden, dass sie das Zimmer eines Fremden betritt. Da steht der Koffer mitten im Zimmer, geöffnet wie ein großer Mund, und drinnen liegen gestapelt Unterwäsche und T-Shirts. Und dann die Spuren von Aktivitäten, von denen sie nichts wissen soll und will: zerwühlte Laken, Handtücher auf dem Boden, feuchte Fußabdrücke auf dem Teppich.
Sie klopft ein zweites Mal. Vamos! Das Tablett ist schwer: ein Teller mit Hühnchen Chow Mein unter einer silbernen Haube und eine Flasche Champagner in einem Kübel mit Eiswürfeln. Liebend gerne würde sie alles vor der Tür abstellen und von unten telefonisch im Zimmer Bescheid sagen lassen. Aber das ist so eine britische Marotte, dass man dafür sorgen muss, dass die Leute höflich behandelt werden, dass man sich »angemessen« verhält, so heißt das. Mr. York ist das sehr wichtig. Es soll persönlich sein, jeder Gast soll sich als etwas Besonderes fühlen. Wieso sollte sich jemand als etwas Besonderes fühlen, wenn man ihm sein Abendessen bringt?
Aber er hält sich auch selbst daran, dieser Mr. York, auf seine Weise. Zum Beispiel denkt er immer an Mercedes’ Geburtstag am 15. Juni. Er hat ihr in den drei Jahren jedes Mal gratuliert. Und wenn man ihm begegnet, scheint er einem seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken – so als wäre er richtig begeistert, einen zu treffen. Zum Beispiel sagt er dann: »Mercedes! Gut, dass ich Sie sehe!«, auch wenn man ihm nur zufällig über den Weg läuft. Oder: »Mercedes, wie schön! Und ich dachte schon, der Tag könnte gar nicht mehr besser werden!« Und dabei weiß man doch, dass er das zu jedem sagt, dass er es gar nicht persönlich meint. Trotzdem, da ist was an seinen Augenbrauen, an seinem Geruch, dass man ihm trotzdem glaubt. Man weiß, dass es nicht wahr ist, aber man glaubt es trotzdem.
Die Tür von Zimmer 62 öffnet sich einen Spaltbreit.
»Ja, bitte?«
»Zimmerservice.« Noch immer versucht sie jedes Mal, das Wort so schnell wie möglich über die Lippen zu bringen: »Zimservs.« Die Tür öffnet sich, und dahinter steht ein Mann etwa in ihrem Alter: rotblonde Haare, hellblaues Poloshirt, amüsierter Gesichtsausdruck. In diesem Land lassen die Leute es sich nicht so deutlich anmerken, wenn sie etwas lustig finden, jedenfalls nicht so wie in Mexiko, könnte man sagen. Sie lächeln diskreter. Alles ist diskreter. Das ist eben die britische Art.
Er sieht sehr gut aus, und Mercedes wünscht, sie würde nicht diese Bluse und die dunkle Hose tragen. Sie wünscht, sie würde so einen Sarong tragen, wie die, die sie in Indien gesehen hat, als sie mit Miren zusammen dort war. Sie wartet darauf, dass er ihr das Tablett abnimmt, aber stattdessen tritt er einen Schritt zurück.
»Ich habe nichts bestellt.«
»Sie haben nicht bestellt?«
»Nein, das ist wohl ein Irrtum.«
»In Ordnung.«
Sie sehen sich an, und dann schließt der Typ die Tür in einer Weise, die sie nur als Vorwurf verstehen kann: Mit einem unschönen Nachdruck, obwohl er sonst höflich war.
Also wird dieses Huhn nie verspeist werden, aber sie wird es auch nicht in die Küche zurückschicken. Nathaniel, der Koch, ist überaus empfindlich, und wenn etwas zurückgeht, denkt er immer, es sei seine Schuld. Irgendwer wird es in den Kühlschrank stellen und schließlich wird es diese Organisation in Holborn bekommen, die die Obdachlosen verpflegt. Sie müssen es dann kalt essen. Man kann Huhn nicht wieder aufwärmen. Sie erinnert sich, dass Hector Nuñez deswegen fast gestorben wäre, als sie noch klein war. Jedenfalls sagte Julieta, er sei fast gestorben, vielleicht hat sie ja auch übertrieben. Wo Julieta jetzt wohl ist? Sie wird in einem Büro in Guadalajara arbeiten. Wie alle, die nicht einfach geheiratet und Kinder bekommen haben.
Ihre Schicht dauert acht Stunden. Mercedes wird um zwei Uhr nachts Feierabend haben und um drei zu Hause sein. Die Leute haben Angst davor, so spät nachts in London noch unterwegs zu sein, aber die sollten mal in Mexiko leben. Wenn sie nach Hause kommt, wird sie schlafen gehen, gegen Mittag aufwachen, fernsehen, sich fertig machen und hierher zurückkommen. Das ist in Ordnung. Auf jeden Fall besser als das, was sie hinter sich gelassen hat.
Bis Mitternacht ist ihre Schicht mehr oder weniger Routine. Sie bringt mit dem Lift ein Tablett hoch. Sie kommt mit einem anderen wieder runter. In den Pausen dazwischen sitzt sie im Rauchersalon und kostet jede Zigarette bis zum letzten Zug aus. Sie schaut gerne auf die Buchrücken mit den Namen, die sie nicht kennt, auf Bände mit Inhalten, die sie nicht einmal erahnen kann und die ihr nichts sagen würden, auch wenn sie hineinsähe. Sie findet es tröstlich, dass es so viele Dinge gibt, die man nicht versteht. Dass die Welt größer ist, als ein einzelner Mensch erfassen kann. Solche Gedanken kommen ihr beim Rauchen. An Mexiko denkt sie nur selten.
Kurz vor Mitternacht läutet der Koch die Glocke. Als Mercedes in die Küche kommt, ist auch Pauline da. Eine von beiden muss das Tablett nehmen. Sie sehen sich an. Pauline hat diesen »Ich kann nicht mehr«-Blick. Das sagen die Leute hier manchmal: »Ich kann nicht mehr.« Als gebe es zum Leben eine Alternative. Pauline und Mercedes sehen sich an.
»Ich mach das, kein Problem«, murmelt Mercedes. Paula bedankt sich. Mercedes nimmt das Tablett und macht sich auf den Weg, ihre Schritte auf dem Marmorboden hallen bis zum Glasdach hinauf. Sie stellt sich vor, dass sie mit 15-Zentimeter-Absätzen auf einem Ball ist, zu dem sie in Wirklichkeit nie eingeladen werden würde. Die Galerien sind leer. Das Hotel ist heute Nacht nur zur Hälfte belegt. Überhaupt, wer übernachtet hier? Sie kann sich nur schwer vorstellen, was für Leute das sind. Wer hat das Geld, um dafür zu bezahlen, einfach nur irgendwo zu schlafen?
Erst als sie an die Tür klopft, wird ihr bewusst, dass es dasselbe Zimmer ist, in dem sie vorhin schon einmal war. Zimmer 62. Silberne Ziffern auf rustikalem Holz. Sie hält das schwere Tablett mit dem weißen Geschirr und wartet vor der Tür. Ob er schon schläft? Doch der rotblonde Mann reagiert auf ihr Klopfen. Als sich die Tür dieses Mal öffnet, wird ihr klar, dass er wirklich sehr attraktiv ist. Sie streckt ihm das Tablett entgegen.
»Zimmerservice«.
»Ich musste etwas bestellen, damit Sie wiederkommen«, sagt der Typ.
»Sie möchten …?«
»Ich möchte, dass Sie hereinkommen.«
Zögernd tritt sie durch die Tür, die er ihr aufhält, und stellt das Tablett auf der erstbesten Ablagefläche ab – dem Nachtkästchen. Sie hat einen Zettel in der Hand, auf dem er unterzeichnen muss, um zu belegen, dass er seine Bestellung bekommen hat, aber Mercedes bittet nicht um seine Unterschrift. Sie sieht den rotblonden Mann an, und er sieht sie an.
Sie heiraten vier Jahre später. Er ist bei der Barclays-Bank angestellt. Nach ihrer Hochzeit, die im Alpha gefeiert wird und zu der sieben Mitglieder ihrer Familie aus Guadalajara anreisen, arbeitet sie noch zwei Jahre dort weiter. Dann bekommt sie ihr erstes Kind, ein zweites kommt überraschend schnell nach, und wenig später hat sie ein drittes. Zwei Mädchen und ein Junge. Sie kaufen ein Grundstück in Cricklewood. Robert macht in der Bank Karriere, obwohl sie nie genau weiß, was er dort eigentlich tut. Er sieht die globale Finanzkrise voraus und verlässt Barclays 2007 mit einer Abfindung. Zur Beerdigung ihres Onkels nimmt sie ihre Familie mit nach Mexiko, es wird ein Urlaub daraus, und sie beschließen, ganz dorthinzuziehen. Ihre Kinder lernen Spanisch, genau wie Robert, der als Berater für eine Elektronikfirma mit Sitz in Guadalajara arbeitet, aber ständig mit Geschäftspartnern in Kalifornien zu tun hat. Und das alles nur wegen eines Hühnchens Chow Mein, das gar nicht für Robert bestimmt war.


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