Hotel Alpha

STORY 72: Im Lift (1980)

Dritter Stock. Niemand steigt ein. Im Allgemeinen ist es Jim lieber, wenn niemand einsteigt. Wenn doch, wechselt er selbstverständlich ein paar Worte mit demjenigen. Nichts gegen ein bisschen Small Talk. Das Wetter ist ein unverfängliches Thema, manchmal sieht er auch, dass jemand zu einer Sportveranstaltung unterwegs ist, oder … na ja, auf jeden Fall ist gegen ein bisschen Konversation nichts einzuwenden. Nur ist er bei dieser Tätigkeit eben lieber allein.
Jim ist sich ziemlich sicher, dass der Portier ihn auf dem Kieker hat – dass ihm aufgefallen ist, dass er jede Woche auftaucht, aber nie hier übernachtet. Aber in diesem Hotel gehen eine Menge Leute aus allen möglichen Gründen ein und aus, und der Portier scheint einer von den Typen zu sein, die ihre Nase nicht überall reinstecken. Abgesehen davon richtet Jim ja keinen Schaden an. Er macht eigentlich gar nichts. Und darum geht’s ja.
Vierter Stock. Die Türen öffnen sich, wieder steigt niemand ein. Das passiert im Alpha ziemlich oft, dass scheinbar jemand den Lift gerufen hat, dann aber niemand davor steht. Wenn man abergläubisch wäre, könnte man meinen, es gebe hier Geister. Jim beobachtet, wie die Türen, die so blank poliert sind, dass er sich fast darin spiegeln kann, ein paar Sekunden warten, als seien sie von dem falschen Alarm ein wenig enttäuscht, um sich dann sanft wieder zu schließen. Und dann geht es hinauf mit Jim und welchen unsichtbaren Gästen auch immer, hinauf in den obersten Stock.
Schon jetzt herrscht in diesem Stockwerk eine besondere Atmosphäre, obwohl sich der Brand, von dem sie herrührt, erst vier Jahre später ereignen wird. Vielleicht ist es die Nähe des Glasdachs, das ein kleines Stück der realen Welt zeigt – das heißt, der Nicht-Alpha-Welt, denn die fühlt sich von hier drinnen alles andere als real an. Vielleicht ist es auch die plötzliche Erkenntnis, dass man sehr weit vom Zentrum des Geschehens im Alpha, vom Treiben in der Halle entfernt ist. Man fühlt sich hier immer ein wenig abgeschieden, als befinde man sich in einem eigenen, winzigen, unabhängigen Hotel. Jim ist versucht, auszusteigen und einen kleinen Rundgang auf der Galerie zu machen, aber dann besteht die Gefahr, dass jemand den Lift ruft und er hier einige Minuten herumstehen und warten muss. Und auf den Lift zu warten, ist seine Sache nicht. Wenn überhaupt, wartet der Lift auf ihn.
Er drückt den Knopf für das Erdgeschoss. Er kennt ihn so gut, dass er ihn auch mit geschlossenen Augen finden würde. Er hat die Bewegung verinnerlicht, mit der sein Finger über die in das Metall gekerbten Buchstaben »EG« gleitet. Die Erinnerung daran ist so tief in seinem Bewusstsein verankert, dass sein Körper reflexhaft die vielen Male heraufbeschwört, die er es bereits getan hat. Es ist nicht eine Handlung, sondern eine ständig wachsende Sammlung identischer Handlungen, sodass es sich mit jedem Mal noch richtiger und unausweichlicher anfühlt. Als der Lift nach unten zu schweben beginnt, fühlt er diese Bewegung im Stillstand, fühlt er, wie sein Körper sich den Kräften der Physik fügt, die ihn umgeben: Auch diese Empfindung ist seinem Körper und Gehirn so vertraut, dass er sie nicht mehr bewusst wahrnimmt. Es geschieht einfach. Er kann sich entspannen. Sie passieren den vierten Stock. Seine Augen schließen sich. Im dritten Stock dann dieses verräterische Zögern des Lifts, als würden ihm für Sekundenbruchteile sozusagen die Muskeln erschlaffen. Doch Jim genügt das, um zu reagieren. Er kennt den Lift wie ein Pferd, das er seit Jahren reitet. Er weiß, dass sie anhalten werden.
Die Türen gleiten zur Seite, und eine Dame steigt ein. Ihrem Aussehen nach ist sie Mitte fünfzig, schätzt Jim. Sie erinnert ihn an seine Mutter, wie sie aussah, bevor sie krank wurde, er noch ein Teenager war und sie immer an der Ecke in der Nähe des Schultors wartete, damit die anderen nicht merkten, dass sie ihn abholte. Kurz verspürt er das heftige Bedürfnis, seine Mutter hier an seiner Seite zu haben – es ist einer dieser Momente, die ihn immer wieder heimsuchen. Er verscheucht den Gedanken, indem er auf die Knöpfe deutet.
»Fahren Sie runter?«
Die Dame nickt unschlüssig, dann nimmt ihr Gesicht einen fragenden Ausdruck an, der gleich darauf einem höflichen Zwinkern weicht. Sie trägt blauen Lidschatten.
»Ja, bitte«, sagt sie freundlich.
Sie sieht recht umständlich auf die Uhr und macht angesichts der Zeit ein verwundertes Geräusch, aber Jim weiß genau, dass sie sich eigentlich fragt, was er hier treibt. Sie erinnert sich daran, ihn bereits vor ein paar Stunden im Lift gesehen zu haben, und vielleicht auch daran, dass sie sich hier schon vor sechs Monaten begegnet sind. Sie registriert, dass er keine Uniform oder Zugangskarte trägt, offensichtlich keine offizielle Funktion in diesem Hotel hat und dennoch anscheinend die Aufgabe übernimmt, im Lift für die Fahrgäste die Knöpfe zu drücken.
»Auf Wiedersehen«, sagte die Dame und klimpert mit ihren Wimpern, als sie mit der Handtasche über der Schulter in ihrem Stockwerk aussteigt und immer noch viel zu höflich ist, ihm, und sei es nur mit einem Blick, die Frage zu stellen, warum er nicht ebenfalls aussteigt, sondern sofort wieder auf den Knopf drückt und zufrieden die Augen schließt, als der kleine Kokon wieder nach oben zu steigen beginnt.
Was hätte er gesagt, wenn sie gefragt hätte, ja, was würde er sagen, wenn der Portier ihn je fragen würde: Was machen Sie eigentlich immer im Lift? Diese Frage kommt nie. Es ist schon erstaunlich, womit man durchkommt, solange man dabei eine gewisse Selbstverständlichkeit an den Tag legt.
Was würde er sagen? Nun, er fand das Aussehen der Dame ganz sympathisch. Wenn er immer noch da ist, wenn sie wiederkommt und sie sich ein drittes Mal begegnen, vielleicht würde er ihr dann eine Erklärung liefern. Vielleicht würde er versuchen, ein Gespräch zu beginnen. So ein Gespräch tut ja nicht weh. Sie wird ins Theater gegangen sein oder irgendwo hier in der Nähe zum Abendessen, vermutet er. Er könnte sagen: »Sie fragen sich vielleicht, warum Sie mich immer hier antreffen.« Und selbstverständlich wird sie Haltung bewahren und so tun, als sei ihr diese Frage überhaupt nicht in den Sinn gekommen.
Aber er wird nachhaken. Er wird sagen: »Sie erinnern mich ein wenig an meine Mutter. Ich stand meiner Mutter sehr nahe. Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, sie zu betreuen. Ich habe genug Geld mit – na ja, egal, Sie brauchen sich ja nicht meine ganze Lebensgeschichte anzuhören. Worauf ich hinauswill: Ich habe meine Arbeit aufgegeben, um sie rund um die Uhr zu pflegen. Wir mussten das Haus umbauen, und schließlich musste ich sie von dort in meine Wohnung holen, die ich dafür wiederum an ihre Bedürfnisse angepasst habe. Es waren ziemlich schwere Jahre, aber ich würde auch sagen, sie gehörten zu den besten meines Lebens. Verstehen Sie, meine Mutter und ich waren ganz dicke Freunde. Ihrer Gesellschaft wurde ich nie überdrüssig. Natürlich hatte ich auch Freunde in meinem Alter, ein Sozialleben, wie man so schön sagt. Aber ich habe mich immer darauf gefreut, zu ihr zurückzukommen. Um ihr zu erzählen, was ich den Tag über erlebt habe, und mir anzuhören, was sie im Fernsehen gesehen hat.
Aber wie dem auch sei (er würde sich beeilen müssen), tut mir leid, ich weiß ja, dass Sie in Ihrer Etage aussteigen müssen. Um es kurz zu machen: Eines Tages kam ich zurück, und sie war verschwunden, verstehen Sie? Das heißt, sie war zwar noch da, aber sie war eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Sie war wirklich im Schlaf gestorben, was die Sache noch schlimmer machte, weil es einige Minuten dauerte, bis ich es begriff. Ich sah ins Zimmer, ging dann hinunter, um mir eine Tasse Tee zu kochen, setzte mich und trank sie am Küchentisch, und erst als ich wieder hochging, sagte mir mein sechster Sinn, dass ich reingehen und nach ihr sehen sollte.
Entschuldigen Sie, Sie müssen ja aussteigen. Aber ich musste mich um die Beerdigung kümmern und all ihre Sachen aussortieren, ihre Bücher in die Bücherei zurückbringen und ihre Kleidung waschen und all das. Erst dann kam ich in gewisser Weise zum Stillstand und wusste nicht mehr recht, was mein Leben eigentlich ausmachte. Ich kam immer öfter hierher, in dieses Hotel, wo ich immer gerne gewesen bin. Wir waren ab und an nachmittags zum Tee hier, um uns etwas zu gönnen, wenn es ihr Zustand erlaubte. Also habe ich mir angewöhnt hierherzukommen. Und eines Tages stieg ich in den Lift, ohne besonderen Grund, und fuhr hinauf in den obersten Stock, und dabei fühlte ich eine gewisse Erleichterung, als sei eine Last von mir genommen, die mich niedergedrückt hatte. Ich fühlte mich leicht. In einem Lift ist man schwerelos. Man ist nicht mehr Teil von dieser Welt. Nicht einmal mehr Teil von diesem Gebäude. Man ist einfach nur im Lift. Ich fuhr hinauf, und ich fuhr wieder hinunter. Ich kam am nächsten Tag wieder und machte stundenlang nichts anderes. Rauf und runter. Die simple Wiederholung, nichts als dieser Augenblick. Um mich herum (und damit würde er schließen), um mich herum in den Zimmern sind Leute mit allen möglichen Dingen beschäftigt, die sie für dringend halten. Sie arbeiten oder haben Sex, sie nehmen ein Bad oder sehen fern. Aber wer kann schon behaupten, dass das Leben aus mehr bestehen muss als dem hier: mit dem Lift hinaufzufahren und wieder hinunter und wieder ganz hinauf?«


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