Hotel Alpha

STORY 74: Zimmer 50 (1997)

Sie nehmen das Bild vom Haken und gehen damit raus auf den Flur. Sie kichern dabei, als seien sie immer noch in den Sechzigerjahren und hätten sich eben erst kennengelernt. Howard klemmt den großen rechteckigen Rahmen unter seinen Arm, und sie gehen den Gang entlang zu Zimmer 53, das heute Nacht nicht belegt ist. Howard öffnet die Tür mit seinem Generalschlüssel, und sie treten ein und gehen am Badezimmer vorbei zum Fenster. Er ergreift ihre Hand, und einen Moment lang betrachten sie gemeinsam, wie dieses große Alles da draußen vor dem Fenster an ihnen vorbeiströmt: Der BT Tower leuchtet, die Autos, die Grünstreifen, die Dunkelheit, verrußte Gebäude, diese unglaublich fernen Menschen, die unten vorbeigehen. In einer Minute, denkt sie, werden sie ins Bett hüpfen. In dieses saubere weiße Bett, das heute Morgen von Valerie Davey gemacht worden ist, die die frischen weißen Laken über die Matratze breitete und die Ecken festzog, die Kissen aufschüttelte, die Daunendecke glättete und dadurch einen Anblick hinterließ, der dem tiefsten Wunsch des Gastes entspricht: Es möge niemand vor ihm hier gewesen sein, niemand zuvor zwischen diesen Laken gelegen, sich niemand zuvor auf diesem Leinen geliebt haben.

Einige ihrer Freundinnen und andere Leute in ihrem Alter beklagen, dass es mit dem Sex vorbei sei, dass sie praktisch überhaupt keinen mehr haben, oder wenn, dann sei es eine Pflichtübung, und beide Seiten verspüren eine unausgesprochene Erleichterung, wenn es vorbei ist. Diese Menschen blicken sentimental und verwundert zurück auf die Zeit, in der sie übereinander herfielen. Nein, nicht wirklich sentimental (so eine nett-vertraute Empfindung ist es nicht), sondern eher mit dem Neid, den man einer Filmfigur gegenüber empfindet. Leute, an deren Abenteuern man gerne teilhat und die einen im besten Fall daran erinnern, wer man einmal gewesen ist, im schlimmsten Fall aber daran, wer man gerne gewesen wäre. Dieses Gefühl bleibt Sarah-Jane erspart. Howard begehrt sie noch immer, und sie ihn. Es fühlt sich nun, wo sie sich der Sechzig nähern, immer noch so an wie damals, als er sie im Lagerraum von Liberty auszog. Und doch ist das nicht alles. Noch wichtiger ist ihr nämlich das Lachen. Dass sie beide lachen wie Teenager, als Howard das Bild hier in diesem neuen Zimmer aufhängt. Wenn jemand sie fragen würde, warum sie trotz allem bei Howard geblieben ist, würde sie vermutlich von diesem Bild erzählen. Sie würde sagen: Weil niemand sonst es verstehen kann. Weil niemand sonst kapiert, warum es lustig ist, dass wir das Armstrong-Bild jedes Jahr in ein anderes Zimmer hängen. Nur zu unserem eigenen Vergnügen. Nur um die Leute zu verwirren, die öfter hier sind. Vor allem aber, weil es nichts Großartigeres gibt, als einen Witz, den nur eine einzige andere Person versteht und der den restlichen sechs Milliarden Menschen, die rein theoretisch mit ihm konfrontiert werden könnten, ein Rätsel bleibt.


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