Hotel Alpha

STORY 75: An der Rezeption (1965)

Wenn man versehentlich etwas im Zimmer liegen lässt, wird es vom Hauspersonal aufgesammelt und in eine Kiste unter Grahams Rezeptionstresen gelegt. Der Form halber muss man den Gegenstand, den man wiederhaben möchte, beschreiben, weil es an Orten wie diesen durchaus Leute gibt, die vorgeben, sie hätten eine Tasche oder Brieftasche verloren, und auf den unwahrscheinlichen Fall hoffen, sie bekämen eine ausgehändigt.
Anthea Hammond hat nicht weniger als drei Dinge in ihrem Zimmer liegen lassen. Sie ist zum ersten Mal in London, was sie so aufregend findet, dass sie sowieso schon ziemlich neben der Kappe ist. Deswegen hatte sie auch vergessen, ihren Wecker zu stellen, und war so spät aufgestanden, dass sie den Zug ab Paddington nur erwischen konnte, wenn sie wirklich rannte. Nachlässig raffte sie ihre Habseligkeiten zusammen, klappte ihren Koffer zu und fuhr im Lift hinunter. Den großen Schlüssel warf sie zusammen mit einer Fünfpfundnote für sämtliche Speisen und Getränke auf den Tresen. Zu viel, wie der Portier sagen wollte, doch da rannte sie schon davon, ohne auf ihn zu hören.
Jetzt, nachdem sie den Zug trotz der Eile verpasst hat, steht sie vor Graham Adam, und ihre Ohren röten sich, weil ihr auffällt, dass sich hinter ihr eine Schlange bildet, während sie versucht, den letzten ihrer drei liegengebliebenen Gegenstände zu beschreiben.
»Ein Kleidungsstück«, sagt sie, »ein … äh, ja, Kleidung.«
»Ein Kleid?«
»Nein, etwas Kleineres.«
Graham wühlt in der Kiste und hält etwas hoch. »Das hier vielleicht?«
Es handelt sich um eine Mädchenbluse. »Nein, nein, es ist, äh, na ja, ein Stück Unter …« Sie senkt ihre Stimme. »Unterwäsche.«
»Ich verstehe.« Grahams Gesichtsausdruck ändert sich nicht, aber Anthea glaubt, die Blicke und Gesten hinter ihr zu spüren: wie die Leute sich anstoßen und das Kichern kaum unterdrücken können. »Eine spezielle Farbe?«
Heute ist wirklich ihr Glückstag. Ausgerechnet ihr Lieblingshöschen muss sie liegen lassen. Wie soll sie ihm erklären, dass der Slip (den sie letztes Jahr spontan auf einem Markt erstanden hat) Zebras und Regenbogen auf rosa Grund schmücken?
»Also einfach … ganz schlicht«, sagt sie. »Aber bemühen Sie sich nicht weiter … ich … trotzdem vielen Dank.«
Anthea wendet sich mit gesenktem Kopf ab, um den Blicken derer, die hinter ihr warten, zu entgehen. Draußen vor den großen Türen des Alpha fühlt sie die beißende Kälte auf ihrer Haut und vergräbt die Hände in den Manteltaschen. Sie trauert um den Verlust ihres Zebra-Höschens und fragt sich, ob es wirklich so schlimm gewesen wäre, es dem Mann zu beschreiben. Oder wenigstens zu sagen, dass es aus Seide war. Londoner sollen doch in dieser Hinsicht ganz lässig sein. Sie sind »befreit«. Aber Anthea erschauert schon bei dem Gedanken, dass sie das Wort »Unterwäsche« in der Öffentlichkeit in den Mund genommen hat. Sie kann es nicht ertragen, wenn Leute schmutzige Witze reißen oder über Dinge sprechen, die niemanden etwas angehen. Vielleicht ist so etwas in London in Ordnung, aber Anthea ist nicht aus London. Tatsächlich wird sie noch nicht einmal aus dem Netzplan der U-Bahn klug, vor dem sie am Eingang der Haltestelle Kings Cross Halt macht. Sie starrt so lange darauf, bis ein Mann in blauer Uniform ihr seine Hilfe anbietet. Sie ist dankbar für den neutralen, unpersönlichen Ton des daraus entstehenden Wortwechsels.
Eines Tages wird Antheas Enkelin nicht weit von hier in Camden Town eine Sadomaso-Party veranstalten und dazu vom Evening Standard, anlässlich eines Artikels über die fünfzig »wichtigsten Persönlichkeiten der alternativen Szene« in London interviewt werden.


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