Hotel Alpha

STORY 78: In der Alpha-Bar (1967)

Theoretisch kann wirklich jeder jedem über den Weg laufen. Zwischen den sechs Milliarden Erdbewohnern ist eine nahezu unendliche Zahl von Begegnungen möglich. Für einen Großteil dieser Begegnungen stehen die Chancen sehr schlecht, und in vielen Fällen ist die Wahrscheinlichkeit so gering, dass sie mathematisch gesehen gen Null geht und man auch gleich von Null sprechen könnte. Zum Beispiel leben viele Menschen in Hemel Hempstead, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie nach China fahren werden, und Millionen Menschen in China – vor allem in den ländlichen Gegenden – werden in ihrem ganzen Leben nie die Landesgrenzen überschreiten, weil ihnen dafür entweder die Mittel oder der Wille fehlen. Aber rein theoretisch ist keine Begegnung unmöglich. Es gibt keine zwei lebenden Menschen, die sich grundsätzlich nicht begegnen können. Ein Hotel wie das Alpha verdeutlicht diesen Sachverhalt: Innerhalb seiner Mauern treffen manchmal Menschen aufeinander, die dazu keinen Anlass haben. Doch sie interagieren, vielleicht verbal oder auch ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Und durch jede dieser Interaktionen werden sie gewissermaßen verwandelt, ebenso wie sich ein Teilchen verändert, einfach, indem es beobachtet wird.
P., ein berühmter Physiker, der viel zum Verständnis dieser Auffassung beigetragen hat, trifft in der Bar auf B., einen Romancier der Avantgarde. Beide haben ein Jahrzehnt mit Experimenten verbracht, aber nicht mit der Art von Experimenten, die viele junge Menschen in diesem Jahrzehnt gemacht haben. B. hat nach einer Möglichkeit gesucht, das Chaos im Universum und die Unfähigkeit des menschlichen Geistes, es zu ordnen, in einem Roman zu reflektieren. Heute Abend, glaubt er, hat er diese Möglichkeit gefunden. B. hält ein Glas Wein in der Hand. Er hat ein großes, breites, kluges Gesicht, gekrönt von einer dichten Mähne brauner Haare. Er trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Er hat eine laute Stimme und die Angewohnheit, die Leute mit »Kumpel« anzureden, was seine Zuhörer für eine Anleihe bei Hotelbesitzer Howard York halten könnten. Angesichts Yorks kommunikativer Kleptomanie könnte es jedoch auch genau andersherum gewesen sein. P., ein zierlicher Mann in den Sechzigern, lauscht B., wie dieser glaubt, mit gespannter Aufmerksamkeit.
»Mann, Kumpel, mir ist klar geworden, dass die einzige Möglichkeit darin besteht, ein Buch zu schreiben, das aus vielen verschiedenen Abschnitten zusammengesetzt ist, die der Leser in jede beliebige Reihenfolge bringen kann, verstehen Sie? Und man sollte es dann sogar in so einer Schachtel verkaufen, mit lauter Einzelteilen. Das befreit den Leser von der Vorstellung, die ein gebundenes Buch vermittelt: dass alles in einer vom Autor vorgegebenen Reihenfolge geschieht. Ich glaube nicht, dass das schon die endgültige Lösung ist« – B. leert sein Glas und ordert aufgeregt gestikulierend ein weiteres – »aber ich glaube in der Tat, dass dies revolutionär ist. Ich glaube, das ist etwas, worauf die Leute zurückblicken werden mit einer gewissen … sie werden es als einen wichtigen Schritt begreifen.« Er wischt sich mit dem Handrücken über die Lippen. »Was sagten Sie, was Sie machen?«
P. ist einer der wichtigsten Vertreter der Physik des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Forschungen über Quantenelektrodynamik haben den Weg dafür bereitet, dass Generationen von Physikern nach ihm unter anderem die Interaktion von Licht und Materie, das Verhalten von Atomen und ihrer noch kleineren Bausteine, aus denen alles Leben besteht, sowie die Konsequenzen aus Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie verstehen. Doch P. ist kein großer Redner. Aufgrund seiner autistischen Tendenzen fällt es ihm schwer, dem Small Talk irgendeinen Sinn beizumessen. Einmal saß er neben einem überaus aufgeregten Bewunderer bei einem Abendessen, ähnlich dem, an dem er aus Höflichkeit heute Abend teilnehmen musste. Sein Bewunderer fragte ihn: »Was haben Sie denn dieses Jahr für Urlaubspläne?« P. schwieg nicht weniger als eine halbe Stunde, bevor er, als der Käse serviert wurde, antwortete: »Warum fragen Sie das?« Seine mangelnde Empathie und seine Leidenschaft für die Nüchternheit der Mathematik machen es ihm schwer, Romanen irgendeinen Reiz abzugewinnen. Außerdem ist ihm dieser junge Mann zu laut, und er freut sich auf sein Bett.
»Ich bin Bäcker im Ruhestand«, sagt P. und reicht ihm die Hand. »Ich muss jetzt gehen.«
Dann macht P. sich langsam auf den Weg Richtung Lift. Er weiß, dass seine Frau – von der er in einem Brief einmal sagte, sie habe »überhaupt erst einen Menschen aus ihm gemacht« – oben in Zimmer 42 auf ihn wartet. Vielleicht schläft sie schon, aber auf jeden Fall wird sie da sein. B. nickt diesem seltsamen Zeitgenossen zum Abschied zu und sieht sich nach einem anderen um, dem er von seiner neuen Buchidee erzählen kann.
Damit endet die einzige Begegnung dieser beider Menschen. Obwohl B. der jüngere ist, wird er zuerst sterben. Sie werden ihn sechs Jahre später mit aufgeschnittenen Pulsadern im Badezimmer finden. Sein Buch wird von einer kleinen Fangemeinde in Ehren gehalten werden. P. wird auch weiterhin ein international angesehener Wissenschaftler bleiben, aber nie ein einfacher Gesprächspartner werden. Es ist unmöglich zu beurteilen, ob diese Begegnung auch nur die geringste Bedeutung dafür hatte, wie sich die Dinge für die beiden entwickelten.


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