Hotel Alpha

STORY 79: Zimmer 50 (1990)

Liebe Ella,

So beginnt man doch einen Brief. So weit, so gut. Cliff grinst sich im Spiegel über seinem Schreibtisch nervös an. So ein Schreibtisch hat etwas sehr Charmantes. Dazu der Schreibblock mit dem scharf geschnittenen Buchstaben A oben auf dem Papier und die Stifte, auf denen »Hotel Alpha« steht. Die Leute sagen, heutzutage würden nicht mehr viele Briefe geschrieben. Nun ja, mit »Leute« meint Cliff, dass er das einmal jemanden auf Radio 4 hat sagen hören. Der Bursche prophezeite, dass das Zeitalter des Briefs sich seinem Ende zuneige. Eine etwas marktschreierische Behauptung.

Liebe Ella,

Wird sie ihn für einen Vollidioten halten? Oder für unanständig? Na ja, sie müssen sich ja nie wiedersehen, das ist das Gute an der Sache.

Liebe Ella, ich hoffe, dass ich mir mit diesem Brief keine zu große Freiheit herausnehme. Ich heiße Cliff Henshaw und bin einer Deiner Kommilitonen im Lehrerseminar, das gerade hier im Hotel Alpha stattfindet.

Oh Gott. Es ist schrecklich, dass er immer so klingt, als wende er sich an das Oberhaus oder so. Nicht nur in der schriftlichen Kommunikation, es ist ein generelles Problem in seinem Leben. Vermutlich hat er das von seinem Vater. Eigentlich hat er gehofft, er würde auf Papier weniger förmlich klingen.

Ich übernachte immer hier im Hotel, weil (was ziemlich lästig ist) mein Vater die Besitzer näher kennt. Egal, das sei nur nebenbei gesagt.

Wer unter sechzig verwendet die Formulierung »das sei nur nebenbei gesagt«? Das ist doch lächerlich.

Der Punkt, auf den ich hinauswollte, ist, dass ich Dich während der bisherigen Vorträge ununterbrochen ansehen musste.

Nein, das klingt zu obsessiv.
Aber andererseits, Cliff, geh doch mal ein Risiko ein! Dein Problem ist, dass du zu verklemmt bist. Dass du immer irgendwie verspannt rüberkommst. Das willst du doch vermeiden, oder? Du musst mutiger sein. Wer nicht wagt, der … äh … wie ging noch mal der Spruch?

Ich hoffe übrigens, dass es Dich nicht ärgert, dass ich Deinen Namen kenne. Ich habe gewartet, bis Du zum Mittagessen gegangen bist, und habe dann schnell einen Blick auf Dein Namensschildchen geworfen. Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie mich diese Pappschilder frustriert haben, mit denen sie uns in ihrer Selbstherrlichkeit vorschreiben, wo wir Platz zu nehmen haben. So kann ich nicht neben Dir sitzen, selbst wenn es mir gelungen wäre, mir einen Vorwand dafür auszudenken. Natürlich könnte ich Dich beim Mittagessen ansprechen. Aber da warst Du mehrmals von zig anderen Frauen umringt, und sobald die Vorträge zu Ende sind, scheinst Du immer gleich zu verschwinden. Ich habe Dich schon zweimal in der Bar gesucht, wo viele von uns noch etwas trinken gehen, aber vergeblich. Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Absicht ist, aber Du kommst auch morgens immer erst in letzter Minute. Keine Chance, Dir einmal absichtlich unabsichtlich in diesem wahrlich grandiosen Atrium über den Weg zu laufen.
wahrlich grandioses Atrium
in ihrer Selbstherrlichkeit
Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie frustrierend …

Wo sie es doch in Wirklichkeit gar nicht kann! Sie hat keine Vorstellung davon, wie lange er letzte Nacht masturbiert hat oder wie schmutzig seine Fantasien sind. Er hatte keine Ahnung, dass er auf Chemikerinnen und Apothekerinnen abfährt. In seinen Gedanken hat er alles Mögliche mit ihr gemacht, und sie mit ihm. In der Hinsicht hat er sehr moderne Ansichten. Doch was sieht sie, wenn sie in seine Richtung blickt – beispielsweise weil jemand in seiner Nähe dem Referenten eine Frage stellt? Sie sieht einen schnieken Trottel, durchaus gut aussehend, aber unbedarft und sicher nicht in der Lage, ihr die Abenteuer zu bieten, die sie vom Leben erwartet. Sie sieht nicht den wahren Cliff.
Er wirft sich im Spiegel einen beinahe angriffslustigen Blick zu. Wird deine Feigheit dich davon abhalten, ein wahres Bild deiner selbst zu zeichnen?
Sogar die Formulierung seiner Frage regt ihn auf. So gewunden und steif. Wie ein Lehrer oder so. Nicht dass daran etwas falsch wäre. Sein Ziel ist es ja, Lehrer zu werden. Aber es ist falsch, wenn man sich an eine Person wendet, von der man sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sie sich in einen verliebt.
Und doch könnte dies der Schlüssel sein! Er stoppt den Strom von Gedanken in seinem Kopf, um einen davon zu fassen zu bekommen – welchen? Genau: Lehrer. Er möchte Lehrer werden. Das klingt sehr bieder und dämlich. Aber auch sie muss doch Lehrerin werden wollen, oder? Sonst wäre sie nicht hier. Also hat er nichts zu befürchten, nicht wahr? Und daraus folgt – was folgt daraus? Dass er ihr nicht seine Ansicht, wie langweilig und bescheuert er ist, in den Mund legen sollte. Er sollte davon ausgehen, dass er genauso wie jeder andere das Recht hat, sie anzumachen. Er sollte verdammt noch mal einfach sagen, was er denkt.
Cliff greift in den Kühlschrank und holt eine kleine, eckige Flasche Wodka heraus, dreht den roten Verschluss auf und nimmt drei große Schlucke. Als sie in seinem Magen ankommen, wimmert er, als habe man ihm einen Schlag verpasst.

Pass auf, die Sache ist die: Das Leben ist kurz. Und ich kann nicht umhin mir vorzustellen, wie ich es am Ende meines Lebens bereuen würde, dass ich Dich nie angesprochen habe. Das muss vermutlich sehr dumm klingen, nachdem wir nie ein Wort miteinander gewechselt haben. Doch in diesem entscheidenden Augenblick kann ich mich nur von meinem Instinkt leiten lassen. Aus dem Blickwinkel des 22-Jährigen kann ich nicht beurteilen, was sich als entscheidend erwiesen haben wird, wenn ich als 70-Jähriger zurückblicke. Ich kann nur im Augenblick leben. Das sagt man doch so, oder? Ich habe ein Buch darüber gelesen. Über das Leben im Augenblick. In diesem Augenblick. Und in diesem Augenblick habe ich das Bedürfnis, Dir zu sagen, dass ich sterbe vor Verlangen, Dich kennenzulernen.
Dich kennenzulernen – ja, alle erdenklichen Facetten von Dir. ALLE. Oder nicht, wenn das inakzeptabel lüstern klingt. In diesem Fall: die Facetten, die Du als zulässig erachtest. Oh Gott, ich weiß, wie dumm ich mich anhöre. Wie impotent (nicht in dem Sinne). Da ich dies unter der Annahme schreibe, dass wir uns nie wiedersehen werden, weil die Veranstaltung in drei Tagen vorbei sein wird und Du verschwinden wirst, kann ich vermutlich auch gleich zum Punkt kommen.
Ich begehre Dich so sehr. Dein Haar – seine Farbe. Und Deine Stimme, das eine Mal, da ich die Möglichkeit hatte, sie zu hören, als Du diese eine Frage gestellt hast. Es war eher Schmerz als Lust, was mich dabei durchzuckte. Und wie Du irgendwelche Sachen auf den Tisch knallst, die schwere Tasche, die Du mit Dir herumschleppst, und die Energie, die einen Raum durchflutet, als hätte er nur auf Deine Ankunft gewartet. Egal, ob es sonst jemand merkt oder nicht. Die Art, wie ein Raum irgendwie knistert, wenn Du Dich darin aufhältst. Das kann doch nicht nur mir auffallen.
Darum, Ella: Es ist mir klar, dass die Umgangsformen vorschreiben, Dir einen Zettel zu hinterlassen und ein Mittagessen vorzuschlagen. Oder nicht einmal das. Wahrscheinlich müsste ich einfach weiter vergeblich Deinen Blick zu erhaschen versuchen, Deinen wundervollen Blick. Aber ich weiche hier von den Umgangsformen ab, weil ich hoffe, dass Du es ebenfalls tun wirst, und, statt abzulehnen – wozu Du jedes Recht hast –, mir eine Chance gibst. Eine einzige Chance. Mehr will ich nicht.
Ich werde diesen Brief in einem Umschlag (sie haben hier eine ganz hübsche Papeterie) morgen neben Deinem Namensschild hinterlassen, und wenn alles gut geht, wirst Du ihn nehmen und in der Mittagspause lesen. Du wirst mich ohne Schwierigkeiten erkennen, wenn Du Dich im Raum umsiehst. Ich bin der, der darauf wartet, dass Du seinen Blick erwiderst. Ich bin der, der den Atem anhält.
Und dann? Ich weiß es nicht. Aber zumindest habe ich es dann versucht. Ich habe es Dir gesagt.
Dein sich nun nicht länger heimlich nach Dir verzehrender


(ein paar Reihen hinter Dir)

Er liest alles nochmals durch, nimmt noch zwei Schluck Wodka, faltet das Blatt, leckt die Umschlaggummierung ab – wird sie den Alkohol riechen? Egal, zu spät – und solange ihn der Mut noch nicht verlassen hat oder solange er noch dieser absurd selbstbewussten Laune ausgeliefert ist, schreibt er vorne ELLA darauf. Er nimmt den Umschlag in die Hand, denn er will fühlen, was sie fühlen wird, wenn sie das Gleiche tut. Cliff versucht, sich in sie hineinzuversetzen. Was wird sie denken? Sie wird sich bestimmt geschmeichelt fühlen.
Er legt sich ins Bett und macht den Fernseher an, ist aber so unkonzentriert, dass er nicht einmal sagen könnte, welchen Sender er sieht. Alles, woran er denken kann, ist der Moment morgen, in dem sie den Brief vor sich liegen sieht, wenn sie sich an ihren Platz setzt: einen Moment, den er aus sicherer Entfernung miterleben wird. Und dann gibt es drei Möglichkeiten – er ist sich ziemlich sicher, dass es drei sind. Erstens, sie wird überhaupt nichts tun, und es wird nie herauskommen, dass er ihn geschrieben hat. Das wäre das schlechteste Resultat. Zweitens, sie wird ihn ansprechen und ihm sagen, tut mir leid, weißt du, ich bin nicht interessiert, aber das ist wirklich ganz reizend von dir – was Frauen eben so sagen. Drittens, sie kommt vom Mittagessen zurück, in ihrer Hand der geöffnete Brief und in ihren Augen so ein Blick, ein entschlossener oder doch zumindest neugieriger Blick. Über die dritte Möglichkeit fantasiert er, während er langsam davondämmert.
Doch fast immer, wenn wir meinen, eine Situation könne sich in zwei Richtungen entwickeln, gibt es noch eine dritte. Oder bei dreien eine vierte. Das Universum ist uns immer einen Schritt voraus. Morgen wird Ella Flanders wie üblich zu spät kommen. Diesmal sogar ein wenig zu spät, um noch in den Vortragsraum eingelassen zu werden. Dadurch wird sie in eine Situation geraten, aus der überraschend ein sofortiges Jobangebot hervorgeht, und sie wird keinen Fuß mehr in den Raum setzen – weder am nächsten Tag (an dem Cliff es auf eine Erkrankung schieben wird) noch am darauffolgenden und letzten des Seminars. Daraufhin wird Cliff den noch immer verschlossenen Brief an der Rezeption für sie hinterlegen, wo ihn Agatha sicher verwahren und ihn Ella aufgrund einer Reihe unglücklicher Umstände erst drei Wochen später übergeben wird. Dann wird Cliff schon zurück in Reigate sein und Ella nie wiedersehen. Er wird stattdessen eine Eiskunstläuferin heiraten, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eine Bronzemedaille bei den Europameisterschaften gewinnen wird, und wird ziemlich glücklich mit ihr sein. Alle paar Jahre wird er zufällig an Ella zurückdenken, beispielsweise wenn er in einem Film aus den Siebzigern jemanden einen Brief schreiben sieht, oder später, als er und die Eiskunstläuferin kurz darüber diskutieren, ob Ella ein geeigneter zweiter Vorname für ihre erste Tochter sei.


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