Hotel Alpha

STORY 8: In der Alpha-Bar (1965)

»Ist das zu glauben«, sagt Lionel Rathbone und nippt an seinem Gin Tonic. »Dieser Scheiß ist das erfolgreichste Stück in der Geschichte des West End. Ich meine, wenn man bedenkt, was für großartige Sachen da gelaufen sind. Hier rüber, Schatz«, ruft er Cynthia zu, als er sieht, dass sie in der Tür zögert. Keiner von ihnen war vorher in diesem Hotel, normalerweise gehen sie ins Ivy oder ins Baron of Beef, wenn sie sich unter das gemeine Volk mischen wollen. Aber Richard, der Produzent, ist ein Freund von Howard York, und das Gelage heute Abend geht komplett aufs Haus.
»Weißt du, dass Noel Coward, als die Show den Rekord gebrochen hat, Agatha Christie ein Telegramm geschickt hat?«, sagt Humphrey. »Darin stand: ›So schwer es mir fällt, muss ich Ihnen doch gratulieren‹.«
Dafür bekommt er ein paar Lacher.
»Noel ist einfach großartig, ich bewundere ihn sehr«, sagt Lionel Rathbone, der weder Noel Coward noch Agatha Christie je kennengelernt hat. »Und Agatha ist so süß. Wann sie wohl mal wieder bei uns vorbeischaut und sich’s ansieht?«
»Na ja, ist ja nicht so, dass sie nicht wüsste, wie es ausgeht«, ruft jemand vom anderen Ende des Tisches. Reflexhaft brandet Gelächter auf, und ein paar stimmen ein, obwohl sie gar nicht gehört haben, was gesagt wurde. Lionel wünscht sich, entweder er hätte die Pointe serviert und nicht das Stichwort geliefert – oder der Witz hätte nicht so gut funktioniert.
Er würde gerne den König Lear im Nationaltheater statt die sechstwichtigste Rolle in Die Mausefalle spielen. Er wäre gerne Noel Coward oder sonst jemand mit einem Namen, bei dem die Leute in sentimentales Gejaule ausbrechen, »Der ist ja so großartig!« rufen oder mit deren Bekanntschaft Arschlöcher wie er prahlen.
Ich wünschte, ich wäre tot, schießt es Lionel Rathbone durch den Kopf. Sein Renommee wäre dann nie mehr infrage zu stellen. Nie mehr diese ständigen Ängste: Lachen etwa die Maskenbildnerinnen, die von der Verwaltung, die alte Hexe am Bühneneingang über seine Darbietung? Was denken Leute, wenn er einen Raum betritt? Denken sie überhaupt etwas? Er wünscht, er könnte sich auf der Stelle in jene Zeit versetzen, in der Leute in einer Bar wie dieser sitzen werden und jemand würde »Lionel Rathbone« sagen und alle würden einstimmen: »Oh ja, der gute alte Lionel, der fehlt mir wirklich.«
Dieser Moment geht vorüber, und dann kommt Howard York angeschlendert, der junge Mann, dem dieser Laden gehört (wie kommt man in diesem Alter zu so einem Hotel?) mit seinen bizarren Schlaghosen und der geblümten Krawatte. So was tragen jetzt alle. Fragend führt er ein imaginäres Glas zum Mund: Wer will noch einen Drink? Lionel gibt ein Zeichen, gerne, noch einen Gin Tonic. In den Taschen seines Trenchcoats angelt er nach einem Paket Lucky Strike.
»Na, eines sag ich euch«, verkündet er und zündet ein Streichholz an. »Noch ein Jahr, und nach diesem Scheißstück kräht kein Hahn mehr. Ich gebe ihm noch ein Jahr, höchstens.«
»Wollen wir wetten?«, fragt Humphrey.
Sie besiegeln es per Handschlag. Humphrey ist ein gut aussehender Bursche, und sein Griff ist sehr fest. Lionel sieht in seinem Blick, dass er davon ausgeht, die Wette zu gewinnen. Aber ich werde sie gewinnen, sagt Lionel sich, und ich werde verdammt noch mal das Geld einstreichen.


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