Hotel Alpha

STORY 80: In der Alpha-Bar (2004)

Die Freundschaft zwischen Graham und mir gründete anfangs in der gegenseitigen Hochachtung für unseren Arbeitseifer und insbesondere unserer Leidenschaft für Hotels. Hart arbeitende Menschen gibt es viele, aber manchmal trifft man auf jemanden, der weit mehr als nur seine Pflicht tut. Das traf auf mich und meine Auffassung vom Hoteltesten zu. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs meines Hotelführers besuchte ich fast 200 Hotels pro Jahr. Und ich hätte gerne noch mehr getestet, wenn es noch mehr gegeben hätte. Aber sie konnten gar nicht genug Vier- und Fünf-Sterne-Hotels eröffnen, um mit meinem Tempo Schritt zu halten. Es gab jedoch auch Jahre, in denen ich noch zusätzliche Betätigung fand: Wir veröffentlichten Ausgaben des Führers für Frankreich und Spanien und ein- oder zweimal auch eher skurrile »Sonderausgaben«, für die ich dann heruntergekommene Frühstückspensionen und (einen traurigen Sommer lang) sogar Campingplätze zu testen hatte. Keine dieser Extraausgaben des Swan-Führers verkaufte sich besonders gut. Die Leser hingen zu sehr am Original und wussten, dass es nie lange dauerte, bis die nächste Ausgabe erschien. Zwischen 1979 und 2004 veröffentlichten wir ohne Unterbrechung jedes Jahr eine neue, in der Regel in der ersten Novemberwoche. Nach der Veröffentlichung machte ich eine Woche oder auch mal zehn Tage Urlaub, die ich gewöhnlich bei einem Freund in Northumberland verbrachte. Dann begann ich meine Runde von Neuem.
Kein anderer Kritiker konnte es mit der Verlässlichkeit des Swan-Hotelführers aufnehmen, weil kein vergleichbares Buch von nur einem Autor recherchiert und geschrieben wurde. Die Leser begeisterten sich sogar für den Stil meiner Kritiken – und wenn ich mich hier selbst lobe, dann nur aufgrund der Briefe und Stellungnahmen, die ich erhalten habe. Mein Ton konnte grantig, ja sogar bitter und sarkastisch sein (wie in der Rezension eines Fünf-Sterne-Etablissements in Hull, das es fertigbrachte, eine tropfende Dusche ein ganzes Wochenende lang nicht zu reparieren), aber auch schwelgerisch, wenn es darum ging, die wirklich großartigen Hotels angemessen zu würdigen, die mich immer mit einer Ehrfurcht erfüllten, die andere Menschen angesichts großer Naturwunder empfinden.
Es ist nicht so, dass mir je meine Liebe zu Hotels abhandengekommen wäre, auch ließen sie es mir gegenüber nicht an Annehmlichkeiten fehlen. Es war etwas anderes, das sich veränderte.
Aber zurück zu jener Zeit, zurück zu dem, was ich sagen wollte. Der Ruf des Swan-Hotelführers führte dazu, dass ich eine sehr lange Zeit so etwas wie ein Gejagter war. Ich hatte eine Menge Hoteliers vor den Kopf gestoßen. Sie warteten rachedurstig darauf, dass ich für einen neuen Test zurückkäme und sie es mir heimzahlen konnten. Der Großteil jedoch wollte vielmehr mein Wohlwollen erringen. Sie hatten ihr Personal angewiesen, möglichst unterwürfig zu sein, und hielten ihr bestes Zimmer für mich bereit. In beiden Fällen war es für mich selbstverständlich unerlässlich, meine Anonymität zu wahren. Weder wollte ich mich einschüchtern noch mich um den Finger wickeln lassen. Ich musste ein typischer Gast bleiben, ein Fremder wie jeder andere in einem Hotel, um die gleiche Behandlung zu erfahren wie alle anderen. Eine Hotelkritik ergibt keinen Sinn, wenn man ausschließlich darüber schreibt, was man selbst für Erfahrungen gemacht hat. Wenn ich die für mich typische Soundso-viele-von-100-Punkten-Bewertung vergab, die viele Häuser dann triumphierend in einem Rahmen an ihrer Rezeption oder als Siegel vorne auf ihrer Werbebroschüre präsentierten, sagte ich damit nicht einfach »Mir hat es dort so gut gefallen«, sondern ich sagte definitiv »So gut ist es«.
Deshalb hat ausschließlich der Verlag für mein Zimmer bezahlt, alle Einladungen abgelehnt, die Hotels gemieden, die mich mit besonderen Anstrengungen zu beeindrucken versuchten und jedes Mal unter einem anderen Namen reserviert. Üblicherweise reiste ich zu Zeiten großer Betriebsamkeit an, wenn das überlastete Personal an der Rezeption mir nicht mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als nötig war, um mich möglichst schnell in ein Zimmer zu verfrachten. Ich reiste zwischen acht und neun Uhr morgens ab, nachdem ich so viele Bestandteile des Frühstücksbüfetts getestet hatte, wie mein Magen vertragen konnte. Zwischen Check-in und Check-out erkundete ich jede Facette des Hotels. Ich fing mit meinem eigenen Zimmer an: War die Matratze angemessen fest? Die Kissen aufgeschüttelt? Drang zu viel Lärm aus den Nachbarzimmern? War das Personal zuvorkommend oder ungeduldig, wenn man es anrief? Funktionierte der Fernseher sofort oder musste man sich mit der Antenne herumärgern, gab es einen Wäscheservice, boten die Fenster eine schöne Aussicht, empfing einen das Zimmer mit Grabeskälte, weil die Klimaanlage vor Ankunft des Gastes zu lange gelaufen war?
Dann machte ich es mir zur Aufgabe – denn das war sie in der Tat –, so viele andere Zimmer wie möglich in Augenschein zu nehmen. Ich folgte dem Personal und wartete darauf, dass es da und dort eine Tür offen stehen ließ. Ich merkte mir Türen, auf denen »Privat – Zutritt nur für Personal« stand, und erkundete, was sich dahinter befand. Wenn eine Konferenz stattfand, schlich ich mich ein. Wenn das Hotel eine Geburtstagsfeier ausrichtete, gab ich mich als Gast aus. Manche Leute haben sich darüber lustig gemacht, auf welche Details ich achtete, aber diese Details waren Dinge, die sie auch selbst als ausgesprochen wichtig erachtet hätten, hätte es sich um ihren Aufenthalt, um ihr Zimmer gehandelt.
100 Punkte waren erreichbar. Hotels bettelten förmlich um eine Bewertung über 90, so wie sie das Alpha von mir bekam. Sie verkündeten es auch dann überall, wenn es nur über 80 waren, manchmal sogar bei über 70. Kein Wunder also, dass ich um den Wert jedes einzelnen Punkts wusste. Ich hatte 100 Fragen im Kopf. Damit ein Hotel die vollen 100 Punkte bekam, musste ich jede von ihnen mit Ja beantworten können.
Graham war der Erste, der mich durchschaute – der Erste in all der Zeit. Es waren fünf Jahre vergangen zwischen meinem zweiten Test des Alpha (der die 91-von-100-Bewertung des Hotels bestätigte) und meinem dritten (aufgrund dessen es sich auf die 92 hocharbeitete). Am Ende dieses dritten Besuchs blickte ich nun wieder über diesen wunderbaren Tresen hinweg in die Augen des Mannes, der mich schon vor so langer Zeit begrüßt hatte. Ich erinnerte mich nur vage an ihn, vielleicht wegen seines warmen Lächelns. Es gab keinen Anlass zu der Vermutung, dass er sich auch an mich erinnerte angesichts der Anzahl von Menschen, die ihm begegnen, und der Tatsache, dass ich mich immer ganz bewusst unauffällig gab.
Dennoch hoben sich seine Brauen, als ich ihm den Schlüssel aushändigte und ihm mein Pseudonym für die Übernachtung nannte: Groves.
»Verzeihen Sie, wenn ich mich irre«, sagte Graham, »aber ich könnte schwören, dass Sie das letzte Mal unter einem anderen Namen hier waren. Irgendwas, das mit, äh, Landwirtschaft zu tun hatte, glaube ich.«
Farmer. Ich hätte natürlich das gleiche Pseudonym verwenden sollen wie bei meinem letzten Besuch, um auch das verschwindend geringe Risiko zu umgehen, dass so etwas passierte. Aber ich war ein wenig faul geworden. Vielleicht wollte ich – selbst wenn das seltsam klingt –in meinem tiefsten Inneren ja auch ertappt werden, so wie das offenbar bei Serienkillern der Fall ist. Dieser ganze Aufwand, der mit dem Versteckspiel und Spurenverwischen verbunden ist, führt zu einer gewissen Erschöpfung und dem Wunsch, erkannt zu werden. Ob es daran lag oder an der Vorahnung, dass dies der Beginn einer Freundschaft sein könnte? Jedenfalls tat ich nicht das Naheliegende, nämlich zu behaupten, er irre sich, ich sei noch nie hier gewesen, ich hätte nur so ein Gesicht, das die Leute verleite, das zu glauben, und so weiter.
»Farmer«, gab ich zu. »Ich verwende, äh, unterschiedliche Namen.«
»Ich erinnere mich daran«, sagte Graham, »weil wir immer ein Ratespiel machten, ob als Nächstes ein Mann oder eine Frau einchecken würde. Nun ja, egal, ich erinnere mich jedenfalls an Sie. Schön, dass Sie wieder bei uns waren.«
Das hätte auch eine höfliche Bemerkung sein können, die er sich bei jedem wiederkehrenden Gast erlaubte, ich jedoch hatte den Eindruck, dass es aufrichtig gemeint war, und spürte, dass meine Standhaftigkeit wie nie zuvor ins Wanken geriet. Infolgedessen wurde mein Blick unwiderstehlich von dem Zertifikat angezogen, das neben einer Reihe von Fotografien stand, die Howard York mit ausgewählten Persönlichkeiten zeigten. Das HOTEL ALPHA erreichte 91 von 100 Punkten im Swan-Hotelführer 1987. 90 Punkte und mehr brachten einem eine solche Urkunde auf Goldpapier ein (80 bis 89 Silber) – hier wurde sie dekorativ in einem schweren schwarzen Rahmen präsentiert. Wir betrachteten sie beide, und Graham räusperte sich.
»Nehme ich mir zu viel heraus«, erkundigte er sich, »wenn ich frage, ob Sie Mr. Mike Swan höchstpersönlich sind?«
Ich wusste sofort, dass er es niemals irgendwem verraten würde. Diskretion war nicht einfach nur Bestandteil seines Arbeitsethos, sondern sie war ihm angeboren. Zudem war das Hotel Alpha ein Ort, an dem gerade das Ungesagte und Uneingestandene erklärtermaßen eine Daseinsberechtigung hatten. Und so passierte mir etwas, was ich in all den Jahren meiner Hotelbesuche immer vermieden hatte: Ich wurde zum Stammgast. Natürlich war ich nach wie vor meistens unterwegs. Aber nun hatte ich, wenn ich nach London zurückkehrte, einen Stützpunkt. Man kannte mich dort. Ich gab bei einer der Wohltätigkeitsauktionen eine Unmenge Geld aus. Ich tippte meine Kritiken in der Alpha-Bar, wo meine Zeche nicht immer eingefordert wurde. Und abends oder sehr spät, wenn sein Dienst zu Ende war, saß ich manchmal mit Graham in dem Raum, der damals noch der Rauchersalon war. Ich war nie der Typ für Vertraulichkeiten gewesen, ebenso wenig wie er. Als wir – das muss in den späten Neunzigern gewesen sein – auf unsere Väter zu sprechen kamen, hatten wir beide das Gefühl, damit ganz ungewohntes Terrain zu betreten. Das Gesprächsthema war neu, fremd, aber willkommen.
»Wir waren uns nie sehr … nahe, würde man es, glaube ich, formulieren«, sagte Graham und nippte an einem Schnapsglas. »Ich hatte immer das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben. Er hätte mich gerne in der Armee gesehen.«
»Meiner wollte, dass ich Pfarrer werde, so wie er«, sagte ich.
Das war allerdings übertrieben. Pastor Peter Swan muss aus meinen rein vom Pflichtbewusstsein motivierten Kirchenbesuchen als Teenager geschlossen haben, dass ich nicht so fromm war wie er. Tatsächlich bestand das Hauptvergnügen der Gottesdienste für mich darin, ihm zuzusehen. Er hielt nicht gerade donnernde Reden, aber seine Gemeinde (etwa hundert Personen in einem Sprengel mit hohem Durchschnittsalter in Oxfordshire) mühelos bei der Stange. Sein Handwerkszeug war die milde, humorvolle Predigt mit nur wenigen Verweisen auf Schuld und Sünde, dafür vielen harmlosen Anekdoten und Witzen aus dem Reader’s Digest. Für seine Schäfchen war er vergleichbar mit einem Hausarzt: Er war immer erreichbar, munter, konnte sich Namen gut merken, erkundigte sich nach Neuigkeiten und fällte keine allzu strengen Urteile. Mein heimlicher Stolz, wenn er den Kirchenbänken Gelächter entlockte oder die Leute seine Hand fester als nötig drückten, sorgte für einige unserer schönsten gemeinsamen Erlebnisse. Er war sich meines Stolzes bewusst und arbeitete sogar darauf hin. Ich kritisierte seine Auftritte gerne während des gemeinsamen Mittagessens im Pfarrhaus. »Eine alte Frau ist eingeschlafen, aber sie war wirklich sehr alt, also lag es vermutlich nicht an dir«, sagte ich ihm zum Beispiel. Oder ich informierte ihn über ein Murren, das ich aufgeschnappt hatte, oder bewertete die Wirkung eines seiner Witze. »Wichtig ist doch, was dein Vater damit sagen wollte«, warf meine Mutter mir dann vor, aber er widersprach ihr. »Ach, so wichtig war das gar nicht.«
Als ich ihm 1979 die erste Ausgabe meines Hotelführers überreichte, als ich Ausschnitte aus der Times nach Hause brachte oder ihm Bescheid gab, dass ich einen Auftritt auf Radio 4 hatte (in einem Telefoninterview natürlich, nicht in Person), drehte er den Spieß um. Seine Mundwinkel zeigten dann nach unten, er beäugte durch seine runden Brillengläser mit gespielter Skepsis den Zeitungsartikel. Er sprach dann eine spöttische Anerkennung aus, etwa in der Form »Der gute Mann von der Times kann ja wohl kaum falsch liegen« oder kommentierte die Typografie des Buches oder das Foto von mir auf dem Umschlag. Wieder klagte meine Mutter über die falschen Prioritäten, forderte uneingeschränktes Lob und wollte, dass er das Buch seinen Kollegen zeigte, so wie sie es mit in den Mütterkreis nahm. Aber für mich war seine heimliche Freude an meinen Erfolgen mehr als genug. Keiner von uns beiden neigte zu emotionalen Ausbrüchen. Wir hatten unsere Regeln und unsere eigene Sprache – die zu einem Großteil aus Ungesagtem bestand.
Es fiel mir überraschend leicht, die Pflichtbesuche bei meinen Eltern zu vernachlässigen, je erfolgreicher der Hotelführer wurde und je mehr ich in den Genuss von Einladungen meines Verlags in angesagte Restaurants kam (die ich meistens annahm) und von Einladungen zahlreicher Veranstaltungen des Hotelgewerbes (die ich natürlich ausschlagen musste). Mein Terminkalender war mit den Hoteltests gut gefüllt, und wenn ich einmal frei hatte, dann genoss ich das seltene Vergnügen, in meiner eigenen Wohnung zu sein. Mein Bruder wohnte noch immer in der Nähe des Hauses meiner Eltern und besuchte sie fast jedes Wochenende. Ohne dass ich mich bewusst dafür entschieden hätte, übernahm ich die Rolle des verlorenen Sohnes, im Gegensatz zu ihm, der seine Pflichten Vater und Mutter gegenüber erfüllte. Wenn ich dann doch einmal nach Hause fuhr, hatte ich unglaublich viele Neuigkeiten, und sie konnten nie genug davon hören: Ungeduldig versuchte ich, die Fragen meiner Mutter nach Erscheinungsterminen oder meinem strammen Reiseprogramm abzublocken – es war stramm vor allem für jemanden, der in seinem Leben selten aus Oxfordshire herausgekommen war. Und ihren Geschichten über Leute zu lauschen, die ich kaum kannte, machte mich ein wenig depressiv. Monatelang kam ich bestenfalls gelegentlich ihrer Bitte um einen Anruf nach und klopfte mir dann für mein Pflichtbewusstsein und meine Geduld auch noch selbst auf die Schulter.
Es war 1994, als meine Mutter mich über meinen Verlag in einem Hotel in Cumbria ausfindig machte und dort anrief, um mir mitzuteilen, dass mein Vater schwer krank sei. In jenem Moment bedrückte mich plötzlich sehr, dass ich mich aus der letzten Lebensphase meiner Eltern zum großen Teil herausgehalten hatte. Ich musste mir eingestehen, dass ich die Freude, die ihnen mein beruflicher Erfolg bereitete, hätte verdreifachen können, wenn ich schlicht etwas öfter zu Hause aufgetaucht wäre. Diese Einsicht kam leider ziemlich spät.
Mein Vater hielt noch immer Predigten, obwohl er aufgrund diverser Beschwerden kaum noch stehen konnte. Zum ersten Mal seit acht Jahren sah ich ihm wieder einmal beim Gottesdienst zu. Ich erkannte viele Leute, an denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hatte, Leute, die schon immer alt ausgesehen hatten und die jetzt noch älter schienen, sowie andere, die dem Alterungsprozess nicht unterworfen zu sein schienen. Und natürlich umgab uns dabei unerschütterlich und unverändert das Kirchengemäuer, das noch einige Jahrhunderte mehr auf dem Buckel hatte.
Doch bemerkenswert waren nicht die Leute, die anwesend waren, sondern die, die nicht anwesend waren. Die Gemeinde bestand aus kaum noch dreißig Personen. Beim Gesang fehlte nun die Dame mit dem flötenden Sopran in der letzten Bank, und ohne ihre Führung schleppte sich der Rest nur mühsam von Lied zu Lied. Die Witze meines Vater – darunter ein wirklich guter über ein kürzlich stattgefundenes Rugbyspiel – entlockten der spärlichen Menge nur ein mattes Gekicher. Am Ende des Gottesdienstes blickte ich zum Altar und sah ihn dort stehen, eine Hand in die Hüfte gestützt, als falle ihm das Atmen schwer.
An diesem Abend ließ uns meine Mutter allein. Wir sprachen über schöne und nicht so schöne Orte, an denen ich übernachtet hatte, darüber, wie ich einmal auf einer Party dem Fernsehmoderator Terry Wogan begegnet war, und landeten mehr oder weniger zufällig bei seiner Krankheit.
»Die Prognose ist nicht besonders günstig«, sagte mein Vater in seinem üblichen Ton, als beschreibe er das Programm eines Konzerts. »Es kann wohl noch ein paar Jahre gut gehen, aber auch ziemlich schnell zu Ende sein.«
Ich verspürte Übelkeit. Mehrmals versuchte ich einen Satz anzufangen. Das wirklich Erschreckende war nicht das »ziemlich schnell zu Ende«, sondern diese wenig rosige Aussicht auf »noch ein paar Jahre«, die er als die bessere Alternative präsentierte. Es könnte noch ein paar Jahre gut gehen.
Ich ging hinaus, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ich hatte Schwierigkeiten, den Wasserhahn aufzudrehen. Als ich ins Zimmer zurückkehrte, hatte er sich keinen Zentimeter bewegt. Ich suchte nach den richtigen Worten und überlegte, was er selbst Tröstliches sagen mochte, wenn er in den Schlaf- und Wohnzimmern der Kranken, Sterbenden und Hinterbliebenen saß.
»Dein Glaube …«, setzte ich an.
Er sah mich beinahe amüsiert an. »Mein Glaube?«
»Der muss doch … macht er es ein bisschen leichter?«
Was ich als Feststellung begonnen hatte, hörte sich am Ende eher wie ein Flehen an. Mein Vater antwortete nicht sofort darauf. Er neigte seinen Kopf ein wenig, als denke er ernsthaft über meine Frage nach. Er sah aus dem Fenster, auf die Eschen und Eichen, die die Auffahrt zum Pfarrhaus säumten. Dieses typisch dörfliche Kricketplatz-Grün ließ alles so pittoresk, so zeitlos britisch wirken, dass es mir in den letzten Jahren fast ein wenig gekünstelt vorgekommen war. Doch im Lichte dieser Neuigkeiten sah es ebenso zerbrechlich und vergänglich aus wie alles andere auch.
»Mir hat die Vorstellung, Verantwortung zu tragen, immer gefallen«, sagte mein Vater und blickte auf seine Hände. »Und mir hat die Vorstellung gefallen, dass jemand über mir die Verantwortung trägt. Ich denke, eine lange Zeit hatten die Menschen ein Bedürfnis nach dieser Art Obhut.« Seine Augen wichen meinen aus, aber vielleicht versuchte ich auch nicht, seinem Blick zu begegnen. »Doch nun«, fuhr er fort, »haben die Dinge sich verändert. Ich glaube nicht, dass die Menschen das Leben noch genauso sehen: alles wohl geordnet, und ganz oben jemand, der aufpasst. Ich weiß nicht, ob die Leute noch glauben, dass die Dinge so einfach sind. Ich weiß nicht, ob ich das noch glaube.«
Meine Mutter brachte ein Tablett mit Tee und Keksen herein, und sie sprachen kurz über meinen Bruder Alan, der angerufen hatte, weil er spontan vorbeikommen wollte, was zu einer den Haushalt betreffenden Diskussion über Betten und Bezüge und die Zentralheizung führte. Als sie wieder gegangen war, schien es unmöglich, jedenfalls mir, wieder zu dem Thema zurückzukehren, über das wir gesprochen hatten. Erst Wochen später, als ich hellwach in einem stillen, dunklen Zimmer irgendwo an der Nordküste Norfolks lag, versuchte ich zu verarbeiten, was er gesagt hatte und was es bedeutete. Hatte er mir erklärt, dass er seinen Glauben verloren hatte, oder nur, dass die Kirche nicht mehr so wichtig war wie früher? Bedauerte er, dass die Menschen nicht länger die traditionellen Autoritäten anerkannten, oder hatte er selbst aufgehört, sie anzuerkennen, selbst diejenige, der er sein ganzes Leben geweiht hatte? Noch hätte es die Möglichkeit gegeben, ihn danach zu fragen, aber ich wusste nicht, wie. Außerdem war da ja auch noch der Hotelführer. Meine Mutter redete mir in beider Namen aus, meine Arbeitsabläufe den neuen Entwicklungen anzupassen. Wieso sollte ich bei ihnen im Pfarrhaus herumsitzen? Alan würde möglichst viel Zeit dort verbringen. Mein Vater wollte nicht, dass man Aufhebens um ihn machte, und es wäre ihm geradezu zuwider gewesen, wenn ich seinetwegen meine Arbeit unterbrochen hätte. Von so viel Vernunft und Pragmatismus ließ ich mich nur allzu gerne überzeugen. Etwa vier Wochen nach unserem Gespräch und mehr als 300 Kilometer vom Pfarrhaus entfernt, rief mich Alan an, um mir mitzuteilen, dass unser Vater im Schlaf gestorben sei.
Inzwischen bin ich betrunken. Es ist Stunden her, dass ich den letzten Abschnitt geschrieben habe. Ich bin in der Lage, mich innerhalb weniger Stunden zu betrinken. Ich betrinke mich ständig. Es fängt als … nicht unbedingt als ein Bedürfnis an, aber die Absicht ist immer präsent. Ich gehöre nicht zu den Abhängigen, die ihre Abhängigkeit bedauern. Ich habe mich damit abgefunden, könnte man vermutlich sagen. Ich habe mich damit abgefunden, ohne sie notwendigerweise zu genießen.
Der Swan-Hotelführer. Er sollte vollkommen sein. Mehr als das: umfassend und endgültig. Einige Jahre nach dem Tod meines Vaters arbeitete ich mit solcher Energie, dass meine bisherigen Bemühungen wie Dilettantismus wirkten. 74 von 100. 56 von 100. Ein charmantes Hotel mit ein paar Ungeschliffenheiten. Ein eher biederes Etablissement, das aus seinem mittelmäßigen Umfeld nicht herauszustechen weiß. Beeindruckender Service. Mike Swan und der Swan-Hotelführer haben gesprochen. Ich brauchte das Gefühl, dass mein Vater stolz auf mich gewesen wäre, und dieses Gefühl konnte ich nur am Leben erhalten, indem ich immer noch besser wurde. Aber es steckte noch etwas anderes dahinter. Ich wollte ein funktionierendes System errichten. Ich wollte zeigen, dass in diesem Bereich des Universums, dem einzigen, auf den ich Einfluss hatte, Regeln und Ordnung herrschten. Ich bin mir bewusst, dass ich betrunken bin. Das schlägt sich aber sehr selten in der Arbeit nieder, die ich abliefere. Ich denke, dass ich tadellos funktionieren kann, egal wie blau ich schon bin. Schließlich ist mein Gehirn daran gewöhnt. Es hüllt sich in Alkohol wie andere Leute in Kleidung.
Der Hotelführer war das Einzige, was ich konnte, das – nun gut, es war keine Wiedergutmachung. Vielleicht gab es keine Wiedergutmachung. Aber es war das Einzige, was ich konnte.
Als mir zum ersten Mal jemand eine Website für Hotelbewertungen zeigte, habe ich nur höhnisch gelacht. Sie wimmelte vor Schreibfehlern, der Stil war miserabel, die Kritiken waren unausgegoren und vor allem: Es gab Dutzende verschiedene. Die Ansichten irgendwelcher Trottel standen neben wohlbegründeten Urteilen, als gäbe es da überhaupt keinen Unterschied. Nie hat mich die Masse konkurrierender Hotelführer in den Buchhandlungen eingeschüchtert. Diese amateurhaften Versuche raubten mir sicher nicht den Schlaf. Das Publikum verlangte nach der Einschätzung eines Experten. Und das würde immer so bleiben. Ich musste nur sicherstellen, dass ich der bekannteste aller Experten blieb.
Aber ich hatte mich getäuscht.
Ich hatte nicht verstanden, was vor sich ging. Ich hatte es nicht voraussehen können, aber ich hätte mich wenigstens damit befassen müssen. Vielleicht wenn ich etwas jünger gewesen wäre. Wenn ich zu den Leuten gehört hätte, die Computer benutzen. Doch ich ignorierte das Internet so lange, bis mein Verlag immer häufiger darauf hinwies, dass wir »über eine Website nachdenken« sollten. Ich gestattete ihm, einige meiner Kritiken ins Internet zu stellen, doch das genügte nicht. Nun musste ich zu den Kritiken auch Artikel schreiben. Ich musste darüber nachdenken, wie man die Leute »auf die Website locken« könnte. Es reicht, sagte ich irgendwann. Wir haben genug Zeit vertrödelt. Warum müssen wir solche Faxen mitmachen und die Leute anbetteln, unseren Newsletter zu abonnieren? Warum können wir nicht auf das Buch selbst vertrauen, das Buch, das alle immer geliebt haben? Daraufhin zeigten sie mir eine Aufstellung über die Verkäufe des Hotelführers in den letzten zwei Jahren. Ich warf ihnen Panikmache vor. Ich sprach von einem einmaligen Einbruch. Ich sagte, sie bräuchten bessere Verkaufsständer für die Buchhandlungen, und noch eine Menge anderer Dinge. Doch insgeheim kannte ich die Wahrheit.
Ich hatte immer gedacht, wenn ich nur schneller liefe als alle anderen, könnte ich das Rennen nicht verlieren. Mir wurde nun klar, dass sie, während ich gelaufen war, aufs Auto umgestiegen waren.
Betrunken habe ich es geschafft. Ich glaube, es wird schon hell draußen.
Ich sitze an einem Laptop. Ich bin auf einen Artikel über den »Boom« von Internet-Bewertungen gestoßen. Darin wird behauptet, das Internet sei der größte Schritt Richtung globale Demokratie in diesem Jahrhundert. Es wird gesagt, dass man nie zuvor so leicht seine Meinung äußern konnte. Es klingt, als müsse man das feiern. Der Artikel endet mit der Aufforderung, ihn zu kommentieren. Und so erhebt einer Einwände gegen die Behauptungen darin, ein anderer gibt seinen Senf dazu, der Autor meldet sich zurück, um den beiden zu erklären, dass sie beide leicht danebenliegen, und alle drei tauschen weiter schriftlich ihre Ansichten aus, entfernen sich dabei immer weiter vom Inhalt des ursprünglichen Artikels und kommen zu keinem schlüssigen Ergebnis. Am Ende der Seite kann man auf einen Button klicken und neun weitere Seiten dieser Unterhaltung lesen. Woanders auf dieser Seite kann man auf eine blau unterstrichene Internetadresse klicken, die einen zu einer der Hotel-Websites weiterleitet.
Ich rufe dort ein Hotel auf, das vor Jahren als eines der ersten vom Swan-Hotelführer mit mehr als 90 Punkten bewertet wurde. In jenem Jahr hat es in den Sonntagszeitungen ganzseitig inseriert, mit unserem Siegel neben dem Hotelnamen. Hier erwähnt es den Swan-Hotelführer erst gar nicht. Stattdessen brüstet es sich damit, von den Kritiken auf dieser Seite 4,1 von 5 Punkten bekommen zu haben. Wenn man auf »Kritiken auf dieser Seite« klickt, erscheint eine Liste von mehr als 200 Leuten, die eine Bewertung abgegeben haben, deren Länge von ein paar bis ein paar hundert Wörtern reicht. Wenn man auf einen dieser Namen klickt, kann man andere Bewertungen lesen, die diese Person abgegeben hat. Und man kann den Bewerter bewerten. Andere Leute können bewerten, ob sie die Bewertung des Bewerters hilfreich fanden.
Wenn ich den Laptop jetzt ausschalte, wenn ich ihn aus dem Fenster werfe, wenn ich mich selbst aus dem Fenster stürze, wird dennoch all das weitergehen, sich weiter wie ein Virus durch einen kranken Körper fressen. Meine Schreibmaschine habe ich noch, ebenso wie viele Notizbücher mit meinen Anmerkungen zu den Hotels. Die Ausgaben meiner Bücher füllten bis vor Kurzem chronologisch geordnet ein ganzes Regal im Pfarrhaus. Jetzt sind sie im Besitz einer Tante, die sich der Sachen meiner Mutter angenommen hat. Nichts Sichtbares hat sich geändert. Und doch ist da diese andere Welt. Wie ein neues Gebäude auf dem Grund eines alten überlagert sie die, die ich ein wenig unter meine Kontrolle zu bringen versucht habe.


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