Hotel Alpha

STORY 81: Zimmer 25 (2002)

Während Kathleen auf die Tür starrt, versucht sie herauszufinden, worum genau es ihr geht, aber ihre gesamte Aufmerksamkeit wird von der Tür selbst absorbiert, die aussieht, als würde sie jeden Augenblick von alleine aufspringen. Deswegen hat Kathleen den Eindruck, sie sollte eigentlich nicht hier sein: Es ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Offensichtlich springt die Tür tatsächlich manchmal von selbst auf und hat schon manchen Gast in sehr unangenehme Situationen gebracht. Deshalb wird der Raum nicht mehr als Hotelzimmer genutzt.
In ihrem Artikel versucht sie darzulegen, dass der Islam, den nun alle als eine kriegstreibende Religion dämonisieren, sich gar nicht so sehr unterscheidet von der Religion, die unsere eigene Kultur geformt hat. Sie braucht irgendein Bibelzitat über Rache oder Ähnliches. Die Internetverbindung in diesem Zimmer ist ganz schön langsam – aber sie kann sich schlecht beschweren, denn Chas hat ihrer Ansicht nach schon mehr als genug für sie getan. Außerdem ist nicht allein das Internet schuld, es gelingt ihr einfach nicht, ihre Gedanken zu ordnen. Sie hat beim Mittagessen sehr viel getrunken, aber das würde wohl jeder tun, der dort mit JD und seiner Scheißfreundin und Lara Krohl sitzt und sich von ihnen fertigmachen lässt.
In einer der Schubladen liegt bestimmt eine Bibel. Das ist doch in Hotels immer so. Sie kniet sich aufs Bett und findet das schwarze Buch in der untersten Schublade des Nachtkästchens. Sie ist die Dritte, deren Blick darauf fällt, seit Agatha es vor mehr als einem Jahrzehnt hier hinterlassen hat, als Zeitbombe ohne Zeitzünder. Der Erste war einer der wenigen, die überhaupt hier übernachteten, nämlich als das Hotel einmal so ausgebucht war, dass Graham nichts anderes übrig blieb, als die 25 zu vergeben. Dieser Gast benutzte die Bibel aber nur, um eine Linie Koks darauf zu hacken. Er schlug sie dabei nicht auf, und der Zettel blieb, wo er war. Drei Jahre später nahm ein eifriges Zimmermädchen sie heraus, um in der Schublade Staub zu wischen, aber auch dabei wurde das Buch nicht geöffnet.
Kathleen starrt auf die Bibel. Seltsam: Sie ist nicht glänzend und neu und glatt, wie Hotelbibeln üblicherweise sind, sondern vergilbt und abgestoßen. In dem Augenblick, da sie sie herausnehmen und öffnen will, klopft es an der Tür.
»Zimmerservice.«
»Oh.« Kathleen blickt in den Spiegel. »Ich habe nichts …«
»Jetzt mach hin. Ich bin verdammt noch mal blind.«
Sie vergisst die Bibel und schließt die Schublade. Sie blickt nochmals in den Spiegel, diesmal mit einem kritischeren Blick. Warum? Chas kann nicht sehen, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Sie ist ohnehin immer noch nicht hundertprozentig sicher, was er will. Ob er das will. In weniger als zehn Minuten wird sie es wissen, und diese Antwort wird die Bibel zu einem weiteren Jahr in der Schublade verdammen, und Agathas Groll bleibt darin wie ein Flaschengeist gefangen.


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog