Hotel Alpha

STORY 83: Zimmer 16 (2000)

Heute läuft alles normal, bisher jedenfalls. Das ist jetzt das zwölfte Zimmer, das sie gerichtet hat. Die Mädchen lassen gerne bei der Arbeit das Radio laufen, aber Mrs. Davey kann das nicht ausstehen. Manche quatschen nebenbei auch am Telefon. Mrs. Davey staucht sie zusammen, wenn sie eine dabei erwischt. Entweder macht man ein Zimmer sauber, oder man lässt es. Das ist schließlich kein Hobby. Aber sie muss nur selten eine Standpauke halten, denn die meisten haben Angst vor ihr.
Den Wagen lässt sie dort stehen, wo sie ihn braucht: an der Tür. Mühelos und fast unbewusst erstellt sie mit einem kurzen Blick durchs Zimmer ein Profil des abwesenden Gastes. Männlich (Kleingeld in der Untertasse neben dem Bett). Geschäftlich hier (Hosenpresse geöffnet). Nichtraucher (auch wenn man in den Räumen grundsätzlich nicht rauchen darf, erkennt man die Raucher sofort – der Geruch hängt in der Luft). Mittleren Alters (schicke, aber nicht trendige Schuhe unter der Kleiderstange). Sehr wahrscheinlich unverheiratet (der aufgeklappte Laptop zeigt keine Bilder seiner Lieben, sondern nur einen Standardhintergrund mit einsamer Insel vor blauem Himmel).
Eine Ecke des Lakens nach der anderen holt sie unter der Matratze hervor, zieht daran, faltet sie wie Servietten und stopft sie zurück. Sie glättet die Bettdecke und tilgt so die Spuren des Schlafs. Sie zieht den Pyjama zwischen den Kissen hervor und legt ihn zusammen – ein graues T-Shirt und eine graue Baumwollhose. Männerschlafanzüge findet sie irgendwie niedlich, ohne sich diesen Gedanken je explizit einzugestehen. Auf dem Nachtkästchen liegt eine Handvoll Visitenkarten. RORY F. PLUMMER, BUSINESS-ANALYST. Was ist wohl ein Business-Analyst? Schwer zu sagen, was die Leute heutzutage tatsächlich arbeiten, manchmal zumindest. Mrs. Daveys Vater war Metzger, genau wie sein Vater und jeder Davey vor ihm, von dem sie je erzählt bekam.
Die Anwesenheit eines hinter ihr in der Tür stehenden Mannes reißt Mrs. Davey aus den Gedanken an ihre Eltern. Als er sich räuspert, fährt sie herum und sieht ihn an. Er ist eher klein gewachsen, unrasiert, zerlumpt. Er hebt seine Augenbrauen, was er anscheinend für einen dankbaren Gesichtsausdruck hält, dieser leicht herablassende Blick, mit dem die Leute das Zimmerpersonal manchmal bedenken. Mrs. Davey reagiert auf Dank generell nicht mit gesteigertem Eifer. Und schon gar nicht in diesem Fall. Irgendetwas stimmt mit dem Kerl nicht.
»Bin nur schnell zurückgekommen, um meinen Computer und ein paar andere Sachen zu holen«, sagt der Mann. »Ich musste umdisponieren, deshalb …«
Mrs. Davey antwortet nicht sofort. Sie lässt sich Zeit, um sicherzugehen, dass sie sich nicht irrt. Sie wartet, bis er den Laptop so gut wie ausgestöpselt hat, und dann sagt sie: »Wären Sie so nett, mir Ihren Namen zu sagen?«
Er lächelt vage, als habe er sie nicht richtig verstanden. »Meinen Namen?«
»Ich muss mich vergewissern, dass das auch Ihr Zimmer ist, wenn Sie während der Reinigung hereinkommen«, erklärt Mrs. Davey. »Damit will ich natürlich nicht sagen, dass Sie etwas im Schilde führen. Ist reine Routine.«
Der Neuankömmling zögert eine Sekunde, eine vielsagende Sekunde. »Plummer.«
»Sagen Sie mir bitte auch Ihren Vornamen?«
Er nützt die Gelegenheit, um Entrüstung angesichts dieser Zumutung an den Tag zu legen, und sagt: »Das geht jetzt ein bisschen weit, oder?«
»Ich weiß, dass Ihnen das so vorkommt«, antwortet Mrs. Davey. »Es ist nur so, dass … also wir hatten schon Probleme. Sie können sich doch vorstellen, Sie sind ja Geschäftsmann, ein Business … wie war das Wort? Business …?«
Der Mann ist nun definitiv aus der Fassung gebracht und blickt sie beklommen und verwirrt an. »Business …?«
»Ach, ich überlege, was das auf Ihrer Visitenkarte bedeutet.« Mrs. Davey hat ihn definitiv auf dem falschen Fuß erwischt. Er macht ein paar Schritte rückwärts Richtung Tür, wo ihm der Reinigungswagen den schnellen Rückzug versperrt. »Irgendetwas mit ›Business‹.«
Er starrt sie an, während sie weiterredet. »Wissen Sie, ich glaube, für die Kleidung und die Schuhe haben Sie nicht die richtige Größe. Sie sind für einen Geschäftsmann nicht richtig gekleidet. Sie riechen nach Rauch, aber der Raum nicht. Darum werde ich das dumpfe Gefühl nicht los, dass Sie versuchen, sich Zugang zu offenstehenden Zimmern zu verschaffen. Und das ist mir schon mal untergekommen.«
Fraser bewegt sich langsam weiter rückwärts Richtung Tür. Er ist in der Vergangenheit schon so oft davongekommen. In diesem Hotel und zahllosen anderen. Niemand schöpft Verdacht, wenn man nur selbstbewusst genug auftritt. Und die Frau hier wäre die letzte, von der er geglaubt hätte, dass sie den Braten riecht. Aber weil er das geglaubt hat, hat sie ihn erwischt. Keine Glückssträhne hält ewig.
Soll er davonrennen? Aber er weiß, dass sie vermutlich nur ein Wort in ihr kleines Sprechfunkgerät sagen muss, und schon fangen sie ihn unten an der Tür ab. Derart in die Ecke gedrängt versucht er es mit einer anderen Strategie.
»Wissen Sie«, sagt er, »Sie haben recht. Sie haben mich ertappt. Es tut mir leid. Ich bin verzweifelt. Ich lebe … viele leben so. Normalerweise nehme ich nur ein Frühstück oder so – gerade genug zum Leben, zum Überleben. Diesmal war ich zu gierig. Wenn Sie mich gehen lassen, dann schwöre ich Ihnen, dass ich so etwas nie wieder machen werde. Ich bin wirklich kein schlechter Mensch. Oder vielleicht doch, aber ich kann mich ändern.«
Mrs. Davey betrachtet ihn nachdenklich. Eine hübsche Ansprache hat er gehalten, aber ihr geht es um etwas anderes. Aus diesem verzweifelten Versuch, sie zu umgarnen, hat sie die blanke Angst herausgehört. Die Leute halten sie für hart, aber sie ist doch kein Ungeheuer. Man stelle sich nur vor, wenn das Darren wäre, ihr eigener Sohn. Wenn er so in der Tinte säße. In der Falle. Auch dieser Mann muss irgendwo da draußen eine Mutter haben.
Sie atmet tief durch. »Ich zähle bis fünf«, sagt sie. »Und dann sind Sie raus aus diesem Zimmer und raus aus dem Hotel, und ich will Sie hier nie wieder sehen, und wenn doch, dann sorge ich dafür, dass Sie an Ihren Eiern von der Galerie baumeln!«
Sein Mund öffnet sich ein wenig – vielleicht ist er dankbar für die Begnadigung, vielleicht auch erschrocken über die Drohung. Auf jeden Fall ist er schneller weg, als sie Luft holen kann.
Mrs. Davey wird niemandem davon erzählen, weil ihr bei der Sache nicht ganz wohl ist. Im Sinne des Hotels hätte sie nicht so nachsichtig sein dürfen. Sie hätte ihn anzeigen müssen. Es gibt keine Garantie, dass er nicht wiederkommt. Die Katze lässt das Mausen nicht. Wie bei diesem Mann, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, und dann war da noch der Vorfall an der Tankstelle. Aber andererseits glaubt sie, das Richtige getan zu haben. Sie ist so gut wie sicher, dass sie diesen Mann nie wiedersehen wird.
Sie geht ins Badezimmer und sammelt die feuchten Handtücher ein, die auf einem Haufen neben der Toilette liegen. Alles mehr oder weniger normal heute, bis auf diesen Vorfall.


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