Hotel Alpha

STORY 84: Zimmer 27 (1992)

Marc gehört nicht zu den Leuten, die sich auf Partys in der Nähe der Anlage aufhalten. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass er das Selbstbewusstsein hätte, um CDs aufzulegen und mit den kleinen Knöpfen zwischen den Songs hin- und herzuspringen. Er weiß nicht mal so genau, wie man einen CD-Player bedient. Selbst bei einer so bescheidenen Party – die in ein einziges Hotelzimmer passt – findet man ihn in der Regel in einer Ecke. In diesem Fall ist er eingeklemmt zwischen der Wand und der Ecke des breiten Betts. In seinem Rücken spürt er das Wasser durch die Rohre im Badezimmer rauschen. Er nippt an einem Glas mit warmem Wein und unterhält sich mit einem Mädchen über die Space-Shuttle-Katastrophe, worüber sie kürzlich einen Dokumentarfilm gesehen hat. Das Blöde ist, dass sie nicht sonderlich gut Französisch spricht und er kein Wort Portugiesisch, und da bis jetzt keine Hybridform daraus entwickelt worden ist, müssen sie es auf Englisch probieren, wovon beide nur eine leise Ahnung haben. Dazu kommt, dass er nicht viel über die Tragödie weiß und insofern nicht viel beizutragen hat. Sie hingegen scheint bestens informiert, doch ihr fehlt der Fachwortschatz für die Motorteile, die Feinheiten der Treibstoffzufuhr und Sicherheitstechnik, und so muss sie behelfsweise auf eine grobe Mimik und Gestik zurückgreifen. So war es auch, als er einmal mit einer Tschechin geschlafen hat. Der Sex an sich war wundervoll, sie war dabei so laut wie ein Seehund, aber am Morgen war es so peinlich, ihr ein Taxi zu bestellen, dass sie beide schon zu Beginn der Unterhaltung wussten, dass sie sich nie wiedersehen würden.
Er will schon gehen, um quer durch Fitzrovia in sein eigenes, deutlich weniger ansprechendes Hotel zurückzukehren – Jean und Hubert sind in diese Party gut integriert, sie sind besser in solchen Dingen. Aber dann drückt der Kerl neben dem großen schwarzen CD-Player den Knopf, um einen anderen Song zu spielen, und es erklingt eine Melodie, so schön, dass ihm fast das Herz stehen bleibt. Sie besteht aus einer Reihe von Akkorden auf einer Elektrogitarre, in die nach den ersten Takten Streicher einstimmen. Und noch etwas: eine Oboe vielleicht? Der Song könnte aus den Siebzigern sein, er hat den Sound eines Klassikers. Er hat sofort das Gefühl, das Lied zu kennen, obwohl er es noch nie gehört hat. Eine Spannung ergreift von ihm Besitz, als sei er gerade einem Menschen begegnet, der zukünftig eine immense Bedeutung für sein Leben haben wird. Als habe er sich gerade verliebt. Er hält den Atem an, als das lange Intro zu einem Höhepunkt anschwillt und dann wieder leiser wird, sobald der Gesang einsetzt.
Es ist eine weibliche Stimme: »Meant to be …«
Sie wird beim dritten Wort unterbrochen, was Marc aus seiner Trance reißt. Er sieht zur Anlage hinüber. Der selbst ernannte DJ – dessen Zimmer dies noch nicht einmal ist – hat den wunderschönen Song übersprungen für etwas anderes, Tanzbares, und damit ein paar Leute zum Aufstehen animiert. »Oh Gott, den Song liebe ich!«, sagt ein Mädchen aus London mit blond gefärbtem Haar, und sie streckt ihre Hände aus, als wolle sie ihn zum Tanz auffordern, doch sie sieht den Typen auf der Bettkante an. Die beiden wirbeln an Marc vorbei, und er blickt auf ihre Füße und Beine. Ein Fuß streift einen anderen, Körper rücken zusammen. Alle im Raum scheinen zu tanzen. Marc erhebt sich steif und versucht, den Blick des Kerls neben der Anlage einzufangen, dessen Zimmer dies vermutlich ist.
»Entschuldige …«, sagt er. »Hey …«
Aber er muss sich in die Ecke drücken, weil ein paar Körperteile an ihm vorbeiwischen, und es ist unmöglich, jemanden gezielt anzublicken, und selbst wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit des richtigen Typen zu erringen, kennt er schon die Antwort auf seine Frage. Es ist ein Mixtape oder eine Compilation oder so. Die einzelnen Songs sind nicht aufgelistet. Niemand wird den Titel des wunderbaren Lieds kennen, das schon aus seinem Gedächtnis schwindet wie ein gerade noch sehr lebendiger Traum. Er wird seinen Titel nicht herausfinden und dazu verdammt sein, mindestens die nächsten zehn Jahre diesem Fragment eines Liedes – »Meant to be … lalala« – nachzujagen, bis der Zufall es will, dass durch einen Knopfdruck auf irgendeiner anderen Party oder ein Drehen am Radio das Lied in sein Leben zurückkehrt.


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