Hotel Alpha

STORY 85: Im Veranstaltungsraum (1988)

»Darum«, sagt Dr. Karagounis und zeigt ein Dia, auf dem eine Gruppe Ärzte in Respekt einflößenden weißen Kitteln rund um einen Operationstisch stehen, »injizieren wir dem Patienten etwa fünfzehn Minuten nach seinem Tod ein wenig von dieser Flüssigkeit. Das reicht, um seinen Körper auf –196°C herunterzukühlen. Zu kalt darf es nicht sein, weil sich sonst Eiskristalle bilden und Organe zum Platzen bringen könnten. Aber doch kalt genug, dass die Zellstruktur intakt bleibt. Diese Zellen bewahren die Informationen über Ihre Persönlichkeit, Ihr Gedächtnis, über all die Dinge, die Ihr Gehirn zu dem machen, was es ist, und somit Sie zu dem, was Sie sind – und diese Zellen werden überleben. Wir gehen bei unserer Arbeit davon aus, dass irgendwann in der Zukunft die Menschheit einen Weg finden wird, die Kryokonservierung rückgängig zu machen und Sie wieder zum Leben zu erwecken. Sie werden die Möglichkeit haben, ewig zu leben.«
In den Mienen der Zuhörer ist höfliches Interesse zu erkennen, auch auf dem eckigen Gesicht des Portiers, der sich hinten im Raum herumdrückt. Engländer sind an allem immer so verdammt höflich interessiert. Wie könnte man sie bloß ein wenig aus der Reserve locken? Er schaltet rhetorisch einen Gang höher.
»Vielleicht klingt das für Sie nach reiner Spekulation. Sich einfrieren zu lassen in der Hoffnung, dass die Technologie eines Tages so weit sein wird, Sie wiederzuerwecken. Aber ich möchte Ihnen etwas in Erinnerung rufen. Wir sprechen hier möglicherweise von ein paar hundert Jahren. Überlegen wir, was die Wissenschaft in nur hundert Jahren zuwege gebracht hat. Noch vor hundert Jahren wäre einem das Fernsehen wie die reinste Hexerei erschienen.«
Das bringt ihm einen kleinen Lacher ein. Wenigstens dazu taugt ein englisches Publikum. In der Hinsicht sind sie einfacher als die Amerikaner, die alles so ernst nehmen. Nur dass er hierbei ernst genommen werden möchte.
»Vor hundert Jahren wäre es wie Fantasterei erschienen, dass wir Maschinen bauen, die fliegen können. Tja, und jetzt können wir Menschen auf den Mond schicken. Vor hundert Jahren noch starben die Leute an Krankheiten, die wir jetzt im Handumdrehen heilen können. Das können hundert Jahre ausmachen. Und vergessen Sie nicht: Die Wissenschaft entwickelt sich exponentiell. Je mehr wir wissen, desto mehr werden wir erfahren. Schon in zwanzig Jahren werden wir Telefone haben, die man in die Tasche stecken kann, wir werden Städte im Weltall bauen. Was werden wir in fünfzig Jahren erreicht haben?«
Na also, jetzt scheinen sie ein wenig interessiert zu sein.
»Eines ist sicher. Wenn Sie tot sind, werden Sie nie herausfinden, wozu wir in der Lage sind. Was die Zukunft uns bringen wird. Leonardo da Vinci sagte: ›Ich bedauere, so früh geboren worden zu sein, da ich so das Glück nicht erleben darf, das zu wissen, was wir in hundert Jahren wissen werden.‹« (In Wahrheit war es Benjamin Franklin, aber die Wirkung ist größer, wenn er es Leonardo da Vinci zuschreibt. Egal, was soll Franklin dagegen schon tun? Er ist tot.) »Das quält uns Menschen doch vom ersten Augenblick unseres Lebens an – zu wissen, dass sich die Welt trotz allem, was wir erreichen und erfahren, eines Tages ohne uns weiterdreht. Da Vinci hat die Prototypen unserer heutigen Flugzeuge gebaut, aber er hat nie erlebt, wie es sich anfühlt, in einem zu fliegen. Die bedeutendsten Köpfe in der Geschichte, Shakespeare, Einstein, wen immer man nennen will: Sie alle starben, ohne auch nur über einen Bruchteil der Möglichkeiten zu verfügen, die wir heute haben, um die Welt zu verstehen und mit ihr zu kommunizieren. Sie konnten nichts dagegen tun. Dagegen konnte noch nie jemand etwas tun. Der Tod geht immer als Sieger hervor. Wir haben uns damit abgefunden. Aber früher oder später wird uns allen bewusst, dass dies letztendlich jede andere Überlegung überflüssig erscheinen lässt.«
Noch immer, selbst in dieser Umgebung, ist er von seinen eigenen Worten bewegt. Es war schließlich hier in diesem Gebäude, dass er erstmals einen Gedanken auf das Thema verschwendete. Diese Ameise. Die Ameise. Eine Ameise, die seit mindestens zwölf Jahren nicht mehr existiert. »Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir die Chance, dieses unser Schicksal zu ändern. Wir können uns gegen den Tod auflehnen. Zugegeben, noch haben wir nicht die Mittel, um ihn zu besiegen. Aber wir sind endlich ein ernst zu nehmender Gegner. Und durch die Kryokonservierung …«
Er klickt zu einem neuen Dia, das ein repräsentatives rotes Backsteinhaus in Arizona zeigt.
»… indem Sie daran teilnehmen, werden Sie zu der Generation gehören, die das Problem des Todes letztlich überwunden hat, so wie wir zahllose andere medizinische Probleme überwunden haben.«
Obwohl sein australischer Akzent die Leute mit der Zeit empfänglicher macht, hat er den Eindruck, dass seine Stimme immer noch nicht die Überzeugungskraft besitzt, um ihnen den letzten, entscheidenden Schubs zu geben. Er wünscht, er würde so klingen wie ihre Politiker zu Zeiten des Weltkriegs. Einer dieser inzwischen toten alten Männer, die damals die Engländer aus ihrer Lethargie gerissen haben.
»Wenn Sie sterben … tja, dann haben Sie keine Chance. So sehe ich das zumindest. Ist das alles nur Spekulation? Also so, wie ich vor Ihnen stehe, habe ich noch kein Mittel gegen das Altern parat. Aber ich weiß, dass wir es eines Tages haben werden. Uns als Spezies wird es gelingen. Wenn Sie sterben, bevor das der Fall ist, und Sie nicht konserviert werden, dann ist das Spiel aus. Es bedeutet definitiv das Ende. Wenn Sie sich konservieren lassen, wenn Sie sich zu dem entschließen, was wir anbieten, dann haben Sie eine Chance. Sie haben die Chance, den Tod zu besiegen.«
Manchmal klatschen sie am Ende seines Vortrags. Die hier klatschen nicht. Er blickt in ihre Gesichter. Manche scheinen immer noch interessiert. Ein paar können sich nicht mehr konzentrieren – sie nippen mit offensichtlicher Zerstreutheit an ihrem Weißwein. Niemand zeigt offen seine Skepsis, obwohl das völlig in Ordnung wäre. Er hat das schon so oft gemacht, dass er viel Übung darin hat, Einwände zu entkräften, egal ob praktischer, moralischer oder weiß der Teufel welcher Art. Aber diese Leute hier: Die meisten von ihnen sind schlicht apathisch. Apathisch! Angesichts der Frage, ob es sich lohnt, ewig zu leben! Angesichts der Aussicht, dass die Maden ihr Fleisch fressen und ihr Hirn zu arbeiten aufhört, so wie eine kaputte Uhr den Geist aufgibt! Apathisch angesichts der Vorstellung, die Menschheit könne die Bürde abschütteln, die sie von Jahrhundert zu Jahrhundert weiter mit sich herumschleppt. Dies könnte die neue Mondlandung sein.
»Vielen Dank«, sagt Dr. Karagounis, und dann erklingt doch noch ein wenig Applaus, aber er wünscht sich viel mehr als das. Er möchte sie aufrütteln. Sie begreifen es immer noch nicht. Er möchte zu jedem Einzelnen hingehen und ihm sagen: »Haben Sie mich verstanden? Wenn Sie sich nicht anmelden, dann müssen Sie geistig zurückgeblieben sein!«
Für ihn ist jeder in diesem Raum, der die eigene Kryokonservation ablehnt, vergleichbar mit jemandem, der absichtlich vor einen Bus läuft. Es ist genau das Gleiche. Aber das kann er nicht sagen. Es wird ihm nie gelingen, die Leute aus eigener Kraft zu überzeugen. Er müsste ihnen ein Schlüsselerlebnis verschaffen, das ihnen verdeutlicht, was passieren wird. Er bräuchte eine Ameise, die über die Decke läuft und ihr Leben verändert.


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