Hotel Alpha

STORY 86: Im Restaurant (2004)

Es kam ihr lächerlich vor, sich in ihrem Alter noch mit Männern zu verabreden. »Internet-Dating.« Herr im Himmel! Vor ein paar Monaten wusste sie nicht einmal, was das Internet war, bis ihr ein hilfsbereiter Neffe das Computer-ABC beibEs kam ihr lächerlich vor, sich in ihrem Alter noch mit Männern zu verabreden. »Internet-Dating.« Herr im Himmel! Vor ein paar Monaten wusste sie nicht einmal, was das Internet war, bis ihr ein hilfsbereiter Neffe das Computer-ABC beibrachte, wie er es nannte. Sie war sehr skeptisch. Aber sie konnte ja schlecht ihn – oder sonst jemanden – bitten, sich für sie bei einem dieser Dingsdas anzumelden. Sie musste wenigstens so weit damit zurechtkommen, dass sie sich auf der Website registrieren und Nachrichten empfangen konnte, wenn denn welche kämen, und sie beantworten. Und seither: Siebzehn Dates! Zehn davon hier im Alpha, weil sie es kennt und es nicht so weit weg ist. Sieben anderswo. Wer hätte gedacht, dass eine Siebzigjährige derart viele Möglichkeiten hat. Dass so viele an ihr interessiert sind.
HARRY: Ihr erstes »Blind date«. Für ihn war es auch das erste Mal. Über diese Tatsache haben sie am meisten geredet, in einem selbstironischen Ton. Es war durchaus vergnüglich, aber schuldbewusst stellte sie fest, dass das weniger an ihm lag als vielmehr an den Möglichkeiten, für die er stand.
CARL: Viel jünger als sie, wahrscheinlich etwa 55. Er schien sie wegen ihres Alters nicht zu mögen, obwohl sie daraus von vornherein überhaupt keinen Hehl gemacht hat. Ein eher unerquickliches Mittagessen, das ein sich anschließender Arzttermin gnädigerweise abkürzte.
REG: Hat zu viel über den Krieg gesprochen. Er hat ihn selbst gar nicht mitgemacht, war davon aber so besessen, dass es durchaus der Fall hätte sein können.
JOSE: Ein argentinischer Gentleman. Doch auch nach so langer Zeit war sein Englisch immer noch nicht so gut, wie es hätte sein können. Sie hatten trotzdem ihren Spaß.
RORY: Ziemlich schwerhörig, sodass ein Großteil ihres Gesprächs aus Wiederholungen und Klarstellungen bestand. Taub zu sein ist furchtbar, hatte sie gedacht. Es macht es so schwierig, mit dem Leben Schritt zu halten. Man kommt sich wahrscheinlich immer vor, als habe man etwas »nicht mitgekriegt«. Sie hat sich erfolgreich darum bemüht, dass er sich bei ihrem Pläuschchen nicht unterlegen fühlte. Aber man verliebt sich nicht, weil man »sich erfolgreich bemüht«.
HORACE: Nein!!!
TIMOTHY: Mundgeruch. Dieses Problem scheinen nicht wenige Männer ihres Alters zu haben. Warum stecken sie nicht einfach Pfefferminzbonbons ein? Vermutlich, weil es ihnen gar nicht bewusst ist. Das hat ihr Treffen leider sehr beeinträchtigt.
REGINALD: Der zweite Reg. Der nie auftauchte. Vielleicht war es ein Missverständnis, oder natürlich kann er krank geworden oder – ohne makaber klingen zu wollen – sogar gestorben sein. In diesem Alter kommt das vor. Es hat überhaupt keinen Sinn, drum herumzureden.
MICHAEL: Ein ziemlicher Langweiler mit einer Leidenschaft für Züge und Modelleisenbahnen. Aber selbstverständlich gibt man auch in solchen Situationen sein Bestes.
LIONEL: Noch so einer, der von ihrem Alter unangenehm überrascht schien. Obwohl sie deutlich jünger als siebzig aussieht. Und obwohl sie nicht vorgegeben hat, jünger zu sein. Er dagegen gab vor, müde zu sein, und ging bereits nach einer knappen Stunde wieder. Diese Erfahrung fand sie sehr verletzend, denn eigentlich hat sie nie wirklich akzeptiert, siebzig zu sein, nicht mal sechzig. Und auch wenn man gegen die Zahl an sich schwer ankämpfen kann, hat sie sich in jeder anderen Hinsicht erfolgreich gewehrt und ist absolut überzeugt, dass sie es, wenn man so will, mit jedem Mann aufnehmen kann, den man ihr vorsetzt. Aber ein Abend wie dieser reicht aus, um sie zweifeln zu lassen, ob sie sich solche Sachen wirklich noch antun soll. Da ist man siebzig und hat noch immer den Eindruck, man genüge einem bestimmten Anspruch nicht.
HUGH: Wirklich ein Gentleman der alten Schule, der die Rechnung bezahlte, während sie auf der Toilette war. Das hat ihr wieder Mut gemacht. Dennoch war er furchtbar klein, und selbst in ihrem Alter achtet sie noch auf die Größe.
AARON: Lustiger Name. Nicht mal er selbst konnte mit Sicherheit sagen, ob er »Ä-ron« oder »A-ron« ausgesprochen wird. Ziemlich netter Kerl mit einem verschmitzten Lächeln, das zugleich etwas Rührendes hatte. Die Leute denken immer, dass Frauen schlimmer altern als Männer, weil die Schönheit dahinwelkt usw. Aber nichts ist trauriger als ein Mann, der versucht, den Charme, den er mit zwanzig hatte, noch ein halbes Jahrhundert später zu versprühen.
HARRY (II): Er lud sie in die Oper ein. Eine tschechische Oper. Er hat damit angegeben, die Namen der Figuren und die Handlung zu kennen. Das ist eben das Ärgerliche an Opern und diesem Zeug: Immer muss einem jemand erklären, was vor sich geht, was doch den Sinn des Ganzen prinzipiell infrage stellt, möchte man meinen, aber egal. Dann wollte sie etwas wissen, was ihn durcheinanderbrachte, aber als sie vorschlug, ein Programmheft zu kaufen, war er verärgert und murrte, vier Pfund, das sei ja Wucher.
PERCY: Ein entzückender Abend. Er hatte so eine nette Art, seine Scherze in sehr originelle, liebenswerte Komplimente zu verwandeln. Als beispielsweise der Kellner fragte, ob sie ein Paar seien, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: »Schön wär’s.« Sie verabredeten sich zu einem Wiedersehen und gingen zum Mittagessen in die National Portrait Gallery. Ihr Verhältnis hatte nichts wirklich Romantisches, aber inzwischen war sie zu dem Schluss gekommen, dass in gemeinsam verbrachter Zeit eine ganz eigene Art von Romantik liegt. Vielleicht war es dämlich, so zu empfinden, so, als wäre sie wirklich alt, aber trotzdem. Sie war sich nicht sicher, ob er genauso empfand. Einmal, im Hyde Park, hielt er ihre Hand, und sie sträubte sich nicht, empfand aber auch nichts dabei. Sie trafen sich mehrmals, und es war immer unterhaltsam, aber dann wurden ihre Verabredungen immer sporadischer – einmal entschuldigte sich der eine, dann der andere –, und sie hatte keine Schuldgefühle, als sie wieder neue Verabredungen traf.
ROWLAND: Mit w. Er betonte das mehrfach, obwohl sie doch überhaupt nicht in die Verlegenheit kam, seinen Namen schreiben zu müssen. Er redete ununterbrochen von seinem Volvo. Was man tun musste, um ihn in Schuss zu halten. Wie viel das koste. Aber dass diese Ausgaben gerechtfertigt seien angesichts der Leistung des Autos. Sie hatte die ganze Zeit eine große Uhr ihr gegenüber im Blick und konnte kaum glauben, wie langsam sich die Zeiger voranbewegten.
KEITH: Tauchte nie auf. Sie saß vor dem Britischen Museum und tat so, als sei sie freiwillig allein gekommen. Glücklicherweise hatte sie ein Buch mitgebracht. Dann schaute sie sich die Mumien und riesigen alten Vasen an, und erst als sie darüber nachdachte, was sie Interessantes sagen könnte, wurde ihr plötzlich schmerzlich bewusst, dass sie tatsächlich allein war.
Und jetzt RONALD: Ein Freund der Yorks, die sie inzwischen ganz gut kennt, weil Howard oder (noch öfter) seine Frau, Sarah-Jane, zum Plaudern vorbeikommt, wenn sie auf ein »Date« wartet. Sie sagten, Ron sei genau der Richtige für sie. Natürlich hat sie das inzwischen schon oft zu hören bekommen. Aber er kam in einem hübschen Hemd, das weder zu penibel gebügelt noch zu nachlässig aussah. Er schüttelte ihr die Hand, mit so einem selbstironischen Lächeln, als wolle er sagen »Schon lustig, wie wir uns hier die Hand schütteln!« Der nordenglische Einschlag in seinem Akzent ist sehr gefällig. Er bestellte eine Flasche Wein, kompetent, aber ohne das wie andere Männer zur Schau zu stellen. Und kaum hatten sie zu reden begonnen: sehr schön!
Es vergingen zwei Stunden, eher zweieinhalb, die auf drei hinausliefen, sie hatten das Dessert schon hinter sich, da schlug er vor, in die Bar umzuziehen und noch einen Drink zu nehmen, und sie willigte sofort ein. Sie fühlte sich so aufgekratzt und unbeschwert, als sei sie dreißig.
Vor zehn Minuten beugte er sich dann zu ihr (sie dachte schon, oh Gott, er würde sie küssen) und flüsterte: »Verrate mir etwas, das sonst niemand weiß.«
Das war soo aufregend. Etwas Erotischeres kann man gar nicht sagen, fand sie. Warum hatte schon so lange niemand mehr so etwas zu ihr gesagt? Sie zögerte nur kurz mit ihrer Antwort: »Also gut, wenn du mir auch was verrätst.«
Er lachte und hustete. »Es war meine Idee. Du fängst an.«
Sie sah hinunter auf ihre Hände und hielt den Atem an. »Versprichst du mir, dass du nicht schockiert bist?«
»Das kann ich doch nicht versprechen.« Rons Augen funkelten, er genoss die Situation. »Ich kann nur versprechen, dass es mich nicht stören würde, wenn ich schockiert wäre. Es würde mich überhaupt nicht stören.«
Na gut, dann los. Was, glaubt er wohl, wird sie ihm gestehen? Was immer er auch erwartet, darauf kann er nicht vorbereitet sein. Sie hätte es sich nicht träumen lassen, es je jemandem zu erzählen. Aber sie dachte immer, wenn jemand käme, dem sie es erzählen könnte, der Richtige, dann würde sie es schon merken.
»Erinnerst du dich an den Brand hier im Hotel – das ist jetzt schon lange her?«
»Natürlich«, sagt Ron. »Ich war in der Woche zuvor hier.«
»Ich war an dem Abend selbst hier.«
»Du lieber Gott.«
»Ja, ich wurde darüber fürs Fernsehen interviewt. Ich wurde sogar vorher schon mehrfach bei besonderen Ereignissen interviewt.« Sie wartet kurz ab. »Aber die Sache ist die – also, ich war nicht wirklich dabei.«
Sein Gesichtsausdruck verwandelt sich von anfänglicher reiner Verwirrtheit nach und nach in Amüsiertheit, sogar Ausgelassenheit, als sie zu erklären beginnt: Dass es als Spaß begann, fast wie eine Mutprobe, die sie sich selbst aufgab, und dann zu einem richtigen Hobby wurde. Er schüttelt den Kopf und grinst wie ein Schuljunge. Als sie zu den Aufständen in Brixton kommt, klatscht er in die Hände, schlägt auf den Tisch, wirft den Kopf in den Nacken und lacht schallend. Da fängt sie auch an zu lachen, aus Erleichterung und vor Freude, es endlich jemandem erzählt zu haben, und auch vor Freude, die richtige Person dafür gefunden zu haben.
»Das ist ja Wahnsinn«, sagt er, prustet und wischt sich die Lachtränen aus den Augen. »Das ist wirklich das Lustigste, das ich seit Langem gehört habe. Meine Güte.«
»Und du verachtest mich nicht dafür?«, fragt sie und wiegt sich in der angenehmen Sicherheit, die Antwort zu kennen. »Dafür, dass ich alle an der Nase herumgeführt habe?«
Da zieht er die Augenbrauen hoch und erzählt ihr von dem Marathon.


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