Hotel Alpha

STORY 87: Um die Ecke vom Alpha, später Zimmer 67 (2001)

»Ja, wirklich, ich glaube, damals war uns allen bewusst, dass Die Mausefalle etwas ganz Besonderes war«, erklärt Lionel Rathbone in leierndem Ton. »Es war ein großes Vergnügen, mit Richard zu arbeiten, dem guten alten Richard, der leider nicht mehr unter uns weilt. Und natürlich mit Agatha.«
»Haben Sie denn Agatha Christie persönlich kennengelernt?«, fragt Kathleen und überlegt, ob das ein Aufhänger sein könnte, etwas, das den Feuilletonredakteur interessieren könnte. Eigentlich nicht, oder? Was kann man über Agatha Christies ausgesprochen gut dokumentiertes Leben und Schaffen noch sagen?
»Agatha war ein wunderbarer Mensch«, erinnert sich Lionel, der Agatha Christie nie getroffen hat. Sie ist nun schon lange tot, und obwohl er sich völlig gesund fühlt, wird er sich ihr bald anschließen. »Ich glaube, sie war ein- oder zweimal im Hotel, das Alpha, gleich hier um die Ecke, kennen Sie es? Wir sind dort nach den Aufführungen ziemlich oft noch etwas trinken gegangen, weil alle Howard kannten, wissen Sie, und der war sehr freigiebig mit den Drinks. Möchten Sie vielleicht etwas trinken, meine Liebe?«
»Nein, danke.« Kathleen schlägt die Beine übereinander und sieht Lionel dabei zu, wie er (am letzten Abend seines Lebens) das Glas wieder zum Mund führt. Beim Anblick der Steno-Schnörkel in ihrem Notizbuch überlegt sie, ob sie schon genug für eine Geschichte hat. Eigentlich wollte sie gar nicht herkommen. Lionel Rathbones Siebzigster. Das ist ja wohl kaum eine anständige Exklusivstory: Ein leidlich bekannter alter Mime schwafelt über andere leidlich bekannte alte Mimen. Schlimmstenfalls würde sie eine halbe Stunde in diesem geschmacklosen, runtergekommenen, verstaubten Lokal sitzen. Sie war nicht darauf eingestellt, dass er so wild auf ihre Gesellschaft sein würde. Überhaupt auf Gesellschaft. Ich weiß nicht, denkt sie, heilige Scheiße! Es ist sein Siebzigster! Genau genommen war der gestern, aber trotzdem. Hat er wirklich nichts Besseres zu tun?
»Jetzt sollten wir aber zu dem Film kommen, der ein Wendepunkt für Sie war«, sagt sie pflichtbewusst.
»Es ist schon lustig, wissen Sie.« Rathbone unterbricht sich und nippt an dem Wein, der eine weitere Schicht von Rückständen auf seinen Lippen hinterlässt. Damit sieht er aus, als habe er sich mit Lippenstift einen Clownsmund gemalt. Kathleen würde es vorziehen, wenn er so ein typischer versoffener Schauspieler vom alten Schlag wäre, wenn er den Glanz vergangener Tage transportieren würde – indem er zum Beispiel direkt aus der Flasche trinken würde. Aber er stellt das Glas zurück auf den Glastisch und wischt den Rand mit einem Taschentuch ab – eine Pingeligkeit, die sie gruselig findet und die im Widerspruch steht zu seiner Unfähigkeit, sich den Mund abzuwischen.
»Die Leute denken immer, dass das alles mit Bastille zusammenhing. Das war mein ›Durchbruch‹. Aber die Sache ist natürlich die: Über sein eigenes Leben denkt man ganz anders.« Es ist ziemlich offensichtlich, dass er das in dieser oder ähnlicher Form bereits öfter von sich gegeben hat, gegenüber anderen Journalisten und in den Reden, die er in Gedanken ständig hält, um sich für imaginäre Auszeichnungen zu bedanken. »Aber damals, muss ich sagen, war Bastille für mich einfach ein weiterer Job, wissen Sie.« In Wahrheit hatte Rathbone, nachdem er erfahren hatte, dass er die Rolle in dem Film bekommen würde, sogar seinen ihm entfremdeten Vater in Havanna angerufen und ihm etwas vorgeschluchzt. »Ich war völlig überrumpelt davon, wie der Film aufgenommen wurde. Während des Drehs denkt man über so etwas gar nicht nach«, behauptet Rathbone, der während des Drehs mindestens fünfmal täglich einen Kollegen gefragt hatte, ob er an einen Erfolg des Films glaube. »Und wissen Sie, in gewisser Hinsicht bedauere ich sogar, dass er dazu beigetragen hat, einige der anderen Dinge, die ich gemacht habe, in den Hintergrund zu drängen«, fügt Rathbone hinzu, der erst eine Woche zuvor zu einer Convention von Bastille-Fans nach Las Vegas geflogen war, nachdem man ihm versichert hatte, man würde sich darum reißen, sich mit ihm fotografieren zu lassen.
»Und was also« – Kathleen sieht schon die Ziellinie vor sich, kann schon fast ihre U-Bahn nach Hause riechen – »was hält die Zukunft für Lionel Rathbone bereit?«
»Ach, meine Liebe, das kann niemand vorhersagen«, kichert Rathbone, dessen Zukunft noch vier Stunden lang ist, bevor er einen Herzstillstand erleiden und innerhalb von Sekunden sterben wird. »Ich denke, letztlich wünscht man sich nichts so sehr, als wieder auf der Bühne zu stehen.« Tatsächlich wünscht sich Rathbone nichts sehnlicher, als in weiteren Filmen mitzuspielen, statt für hundert Mäuse die Woche mit viel jüngeren Kollegen in kalten Garderoben hocken zu müssen.
»Gibt es eine bestimmte Rolle, die Sie gerne noch spielen würden?«
»Glauben Sie, darüber führe ich so etwas wie eine Einkaufsliste?«
Auf seiner Einkaufsliste stehen unter anderem Lear, Hamlet, Othello – wenn es eine dieser modernen Inszenierungen wäre, wo Weiße Schwarze spielen und umgekehrt –, Richard II., Richard III., Prospero, der Typ in Eines langen Tages Reise in die Nacht, eine der beiden Hauptfiguren von Warten auf Godot, Brand in Ibsens Brand, oder eigentlich jede andere Rolle mit richtig viel Text. »Ich erwarte nicht mehr vom Leben als das Glück, weiter das tun zu dürfen, was ich so liebe«, formuliert er bescheiden, obwohl er eigentlich findet, dass er sich die Rollen aussuchen dürfen sollte, wo er doch zehnmal mehr taugt als die ganzen Scheißamateure, die inzwischen überall im West End zugange sind. Nicht, dass das noch besonders wichtig wäre, da sein Herz in etwa 240 Minuten seine Tätigkeit endgültig einstellen wird.
»Also, das Gespräch mit Ihnen war wirklich sehr fesselnd«, sagt Kathleen, klappt ihr Notizbuch zu, steht erleichtert auf und schüttelt die in Kürze leblose Hand Lionel Rathbones.
»Sind Sie sicher, dass Sie nicht wenigstens noch ein Glas trinken wollen, Schätzchen?«, bedrängt er sie.
»Nein, danke, sehr nett von Ihnen. Aber ich muss wirklich gehen und das hier aufschreiben, damit wir es so schnell wie möglich in die Zeitung kriegen.«
»Wollen die vielleicht ein Foto?« Rathbone würde es gefallen, fotografiert zu werden. »Bei mir ist es oft schwierig, einen Termin dafür einzuschieben.«
»Ach, es gibt sicher was im Archiv, das wir nehmen können.« Kathleen hat ein paar Scheine in die kleine silberne Schale gelegt.
»Wir finden bestimmt einen Termin«, rudert Rathbone zurück.
»Ich frage mal den Bildredakteur.« Kathleen reißt dem schlaksigen jungen Kellner den Beleg förmlich aus der Hand. »Und ich gebe Ihnen Bescheid, wann wir den Artikel bringen. Danke Ihnen!«
»Ich danke Ihnen, meine Liebe«, ruft Lionel ihr nach und beobachtet, wie sie von der hell erleuchteten Bar auf die hell erleuchtete Londoner Straße tritt, folgt mit dem Blick ihrer sich entfernenden Gestalt – sie trägt einen Koffer, will sie verreisen? –, bis das Gewusel, das Chaos, die Stadt sie verschlucken.
Eine Stunde später, zurück in seinem Zimmer, sucht er nach der Fernbedienung. Wo hat er das blöde Ding bloß hingetan? Ein zarter, vertrauter Hauch von Einsamkeit durchweht das Zimmer. Er vermisst den guten alten Richard und die ganze Bande, mit der er immer unten zusammensaß. Siebzig Jahre! Sehe ich wie siebzig aus?, fragt er sich und reckt seinen Hals, um in die Glasplatte des Tisches zu spähen. Vielleicht da und dort ein Fältchen, aber ansonsten macht er doch eine tadellose Figur.
Endlich findet er die Fernbedienung. Auf BBC schlängelt sich die Themse durch den Vorspann der EastEnders. Was für ein gottloser Mist, denkt er, obwohl er dafür zweimal vorgesprochen hat und wirklich gerne mitgespielt hätte. Das wird die vorletzte Sendung seines Lebens sein. Die letzte ist eine Wiederholung der Sitcom Only Fools and Horses, die im Anschluss läuft. Er lässt sich in die aufgeschüttelten Kissen sinken und überlegt, ob er sich noch einen Schlummertrunk aus der Minibar genehmigen soll und ob wohl bald eine weitere Bastille-Fanconvention stattfinden wird.


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