Hotel Alpha

STORY 88: Zimmer 14 (1979)

Als Jim an diesem Nachmittag sein Hotelzimmer betrat, war der Feiertag schon halb um, und seine Glieder schmerzten, ja, wirklich, sie schmerzten von den verzweifelten Versuchen seines Kopfes, abzuschalten. Jim würde so gerne einfach sein Hirn anhalten. Er trank ein paar Schnäpse aus dem kleinen Kühlschrank, was seine Empfindungen schwammig und vage machte, aber nicht wie erhofft ganz zum Verschwinden brachte. Er wollte fernsehen, aber nach einer 25-minütigen Suche der Fernbedienung – die ihm in seinem Bedürfnis, die Zeit totzuschlagen, gar nicht ungelegen kam – empfing ihn ein unscharfes Bild, weswegen er sich mit der Antenne herumschlagen musste, nur um danach festzustellen, dass frühestens in einer Stunde etwas halbwegs Sehenswertes kommen würde. Er zwang sich, vor die Tür zu gehen, und lief ziellos durch die Straßen von Belgravia. Wegen des Feiertags waren sie merklich ruhiger als sonst. Einige Restaurants hatten geschlossen, und ihr Anblick war fast krankhaft deprimierend. Ihm war nicht ganz klar, was er sich von diesem Spaziergang erwartet hatte, aber auf jeden Fall hätte ihm mehr menschliches Treiben gutgetan. Ablenkung – darauf läuft es letztlich hinaus. Alles, was die Gedanken an seine Mutter vertreiben könnte, wie sie morgens in sein Zimmer kam, wenn er noch im Bett herumlungerte, oder ihn aus der Tür schob, wenn er trödelte, und sagte: »Jetzt leg mal einen Zahn zu! Oder ist heute vielleicht ein Feiertag?« Damals wusste er nicht einmal, was ein Feiertag war.
Und jetzt das. Heute ist der erste Feiertag, seit sie gestorben ist. Es ist lächerlich, sich gerade danach zurückzusehnen. Es gibt wahrlich schönere Erinnerungen an sie. Es ist nur irgendwie der Gedanke an all die Feiertage, die sie nicht mehr erleben wird. Und wie die Zeit vergangen ist und nicht zurückkehrt. Das ist einfach zu viel. Es war schon schlimm, als der Muttertag nahte und er eine Karte kaufte, bevor er sich wieder daran erinnerte, und dann stand er da im Eingang mit der Karte in einem braunen Umschlag, bis jemand ihm die Hand auf die Schulter legte und fragte, ob alles in Ordnung sei.
Er muss nur diese ersten Hürden meistern. Den ersten Muttertag ohne sie, den ersten Feiertag. Bald den ersten Sommer, das erste verregnete Wimbledon. Warum sie das um Himmels willen nicht überdachen, werde ich nie begreifen! Das erste Weihnachten. Und dann wird es vielleicht einfacher. Bis dahin muss er sich einfach ablenken. Daher vor der morgigen Reise nach Sussex die Übernachtung im Hotel. Ein Tapetenwechsel. Mal was anderes.
Jim kehrte ins Alpha zurück, mit dem immer gleichen, starken Schmerz, ohne dass er ihn an einer speziellen Stelle in seinem Körper lokalisieren könnte. Er fühlte sich eher so, als sei er fünfzehn Kilometer gerannt, statt wie ein Geist durch eine Gegend zu streifen, die ihm nichts sagt. Er musste all seine Kraft zusammennehmen, um sich an der Rezeption vorbeizuschleppen (bildete er sich das ein oder warf ihm der Portier einen bedeutungsvollen Blick zu?) und den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Er öffnete die Tür, und da lag auf dem Bett …
Zuerst vermutete er eine Nachricht des Zimmermädchens, dass sie später mit frischen Kissenbezügen zurückkäme oder etwas in der Richtung. Aber die Mitteilung sah sehr ordentlich aus – etwas Formelles, würde man sagen. Schwungvoll mit einem Füller geschrieben:

Verehrter Gast,
wir möchten Ihnen persönlich ein außergewöhnliches Angebot unterbreiten.

Das t war hineinkorrigiert, ursprünglich hatte da »unterbreien« gestanden, was man an dem schmaleren Buchstaben erkennen konnte.

Wir bieten Ihnen einen Bonus von 100 £ (einhundert Pfund), wenn Sie bereit sind, mit einem anderen Gast Ihr Zimmer zu tauschen. Der Tausch sollte heute Abend um 18 Uhr oder möglichst nicht viel später stattfinden.
Um unser Angebot anzunehmen, melden Sie sich einfach mit dem Stichwort »Stars and Stripes« an der Rezeption.

Graham Adam (Portier)

Da machte sich doch jemand über ihn lustig. Aber selbst wenn, machte das nichts aus, denn es war immerhin eine Ablenkung, worüber er nachdenken konnte. Er ging sofort zurück zur Rezeption.
»Stars and Stripes.«
Der Portier schenkte ihm ein Lächeln. »Freut mich, Sir.«
Er griff in eine Schublade, holte ein Bündel Geldscheine heraus und gab Jim dann den Schlüssel für sein neues Zimmer. Ohne eine Erklärung. Jim hatte den Eindruck, dass er auch um keine bitten sollte. Er nahm den Schlüssel, ging hinauf in das Zimmer, öffnete die Tür und war völlig verblüfft.
Auf dem Bett lag eine riesige amerikanische Flagge. Alles war so blitzblank, als habe jemand einen ganzen Tag lang geputzt. In einer Schale lag saftiges Obst. An der Wand hing ein großes gerahmtes Foto von einem Astronauten. Er war offenbar dafür bezahlt worden, in ein luxuriöseres Zimmer umzuziehen als das, das er vorher hatte.
Wie sollte er das nur begreifen?


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