Hotel Alpha

STORY 9: Im Restaurant (1990)

Während des ganzen Abendessens überlegt Walt, was Helen wohl denkt. Er ist sicher, dass sie irgendwas auf dem Herzen hat. Das ist etwas, das er an Helen immer mochte: Sie ist keine von den Frauen, die den halben Abend über eine Sache reden, und später findet man heraus, dass sie die ganze Zeit an etwas anderes gedacht haben. So wie Barbara, die Frau von Alvin, die Krebs hatte, aber während des gesamten Thanksgivingessens über Brownierezepte sprach und mit der Neuigkeit erst herausrückte, als sie aufbrachen. Bei Helen dagegen weiß man in der Regel, was ihr durch den Kopf geht. Doch nun sitzt sie ihm gegenüber, kaut fünf Minuten lang an einem Bissen Thunfisch und nippt an dem vornehmen französischen Mineralwasser. Vielleicht liegt es ja an der Hitze. Es war heute heißer, als man es in London je für möglich gehalten hätte. Walt sah sich im Spiegel an, als sie sich fürs Abendessen umzogen: Sein Gesicht war hummerrot. Helen hat ihr Haar zurückgebunden und eine leichte Seidenbluse angezogen. Sie bewegten sich wie in Zeitlupe durch die stickige Hotellobby. Der Kellner, ein großer rothaariger Typ, schnaufte erschöpft und wischte sich, als er sich unbeobachtet fühlte, mit dem Arm über die Stirn
»Was ist los mit dir? Hast du keinen Hunger?«
Helen hebt den Blick von ihrem kaum angerührten Essen und starrt Walt an. Ihre Augen haben eine schwer zu beschreibende Farbe. Aquamarinblau vielleicht? Bei der Hitze kommen sie ihm noch heller vor und in diesem Augenblick geradezu durchsichtig.
»Walt«, sagt sie, »ich glaube, du musst an deinem Essverhalten etwas ändern.«
In seiner Überraschung verschluckt Walt ein Stück knusprige Brotrinde, die ihn auf dem Weg in seinen Magen in die Speiseröhre piekt. Er legt die Gabel aus der Hand, mit der er gerade noch ein weiteres Stück Schweinebauch aufspießen wollte.
»Ich mache mir einfach Sorgen um dich«, sagt Helen mit weicher und zugleich fester Stimme, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil seinem Blick auszuweichen. »Wenn ich mir dich so ansehe, Walt. Wie schwer dir heute jeder Schritt gefallen ist.«
»Es ist heiß, das ist alles.«
»Klar ist es heiß, aber so wie du gekeucht hast und immer wieder stehen bleiben musstest … ich mache mir einfach Sorgen«, sagt sie wieder.
Er hat den Eindruck, dass sein Gesicht knallrot ist, was sie vermutlich noch in ihrer Einschätzung bestätigt. Er legt sein Messer neben die Gabel und versucht, das Ganze ins Scherzhafte zu ziehen. »Liegt es daran, dass wir Big Ben nicht mehr geschafft haben? Der blinde kleine Junge hat ihn doch super beschrieben und uns die Mühe erspart, oder etwa nicht?«
»Es ist nur so … ich denke, du solltest vielleicht etwas weniger Fleisch essen und vielleicht etwas weniger … also … generell etwas weniger essen«, sagt Helen und verzieht dabei gequält ihr Gesicht, weil sie dieses Gespräch sicher alles andere als herbeigesehnt hat und sich bestimmt schon den halben Tag damit herumschlägt. »Es geht um dein Herz, weißt du …«
»Ich bin 42, Helen!«
»Schön, du bist 42, und Barbara war 49 …«
»Sie hatte Krebs!«
»Ja, gut, aber inzwischen sind wir so alt, dass wir nicht mehr so tun sollten, als könne uns nichts etwas anhaben. Ich sage das alles nur, weil ich dich liebe«, erklärt Helen in eindringlichem Ton.
»Bist du meine Mutter oder was?«
»Und ich will nicht, dass du in zehn Jahren zurückblickst und dir denkst, ich hätte … ich hätte das ansprechen sollen, bevor es zu einem echten Problem wurde. Ich habe in der USA Today etwas über Herzerkrankungen gelesen und …«
Als sie eine Pause macht, starrt Walt mit plötzlicher Feindseligkeit auf den letzten Brocken fettes Schweinefleisch. »Okay, gut, also, dann fangen wir doch sofort damit an.« Als er mit dem Arm dem jungen Kellner Bescheid gibt, sieht es aus, als wolle er ein Taxi herbeiwinken. »Ich bin fertig.« Der Kellner schnappt sich mit einem gekonnten Handgriff den Teller und eilt davon.
»Das hättest du jetzt nicht tun müssen.«
»Aber das war doch so gemeint, oder nicht?« Walt lässt sich zu einem gereizten Tonfall hinreißen, da er sich immer noch angegriffen fühlt. »Wir haben gesagt, dass ich weniger essen soll. Na bitte, das tue ich. Ich bin fertig. Keinen Nachtisch, bitte!« Er dreht die Speisekarte um, damit er sich das Dessertangebot nicht länger ansehen muss.
Helen seufzt. »Du musst dich nicht so aufführen«, sagt sie. »Wir müssen da keine Staatsaffäre draus machen.«
Mit erhobenen Händen gibt Walt zu verstehen, dass er ungerechtfertigt wütend geworden ist, wo sie es doch nur gut mit ihm meint. Aber nach so langer Zeit müsste sie ihn doch besser kennen. Wenn Walt sich in eine Sache verbeißt, dann wird eine Staatsaffäre daraus. So ist Walter Hirsch eben. Wenn sie will, dass er abnimmt, dann nimmt er eben ab. Aber nicht, weil sie irgendwelchen Quatsch in der Zeitung gelesen hat. Sondern richtig.


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