Hotel Alpha

STORY 90: Zimmer 71 (1985)

Die paar Leute, die sie auf einen Drink mit aufs Zimmer nimmt, leeren die Minibar innerhalb von einer Stunde. Eine halbe Flasche Chablis, vier Bier, diverse Miniflaschen mit Spirituosen. Sie ermuntert sie: Greift zu, nehmt, was ihr wollt. Sie findet es großartig, dass sie sich das leisten kann. Je mehr sie ausgibt, desto besser fühlt sie sich.
Die ersten seltenen Male, als sie in Hotels mit so einem kleinen Kühlschrank mit penibler Preisliste obendrauf war, erfüllte es sie mit Schrecken, dass sie, sobald sie nach einem der angebotenen Getränke greifen würde, sofort fünf Pfund los war. Es kam ihr wie eine Falle vor. Obwohl klar war, dass die Getränke nicht umsonst waren, und das auch nicht behauptet wurde, fand sie es irgendwie hinterhältig. Vielleicht hatte es mit dem Zeitabstand zwischen Konsum und Bezahlung zu tun. Sie erinnert sich daran, wie sie in einem ähnlichen Bett wie diesem lag und überlegte, was ihr Vater wohl davon halten würde. Ihr Vater, der nie in einem Hotel übernachtet oder in einem Restaurant gegessen oder ein Taxi genommen hatte, weil er es als Irrsinn betrachtete, für etwas zu bezahlen (wie Essen oder Unterbringung), wofür man doch möglicherweise selbst sorgen könnte. Selbst jetzt würde er es kaum glauben können – so eine Verschwendung! Aber insgeheim wäre er auch stolz, obwohl er es sich nicht anmerken lassen würde. Im Geheimen wäre er stolz, auch wenn er so tun würde, als würde er all das missbilligen: den Überfluss, ihre Angeberfreunde, diesen ganzen Wahnsinn.
Sie wünschte, er wäre hier.
Aber sie kann sich vormachen, er sei es. Wenn Dinge so gut laufen – und ihr Leben hat sich so ungeheuer positiv entwickelt, seit sie ihr erstes Parfüm herausgebracht hat, das erste einer unfassbar erfolgreichen Serie, die sie heute Abend feiern –, vielleicht sind dann irgendwie alle dabei, die ihr im Leben geholfen haben. Du bist die Summe all der Leute, die dich so weit gebracht haben, denkt sie, und sie tastet durch diesen feinen Nebel, in den der Alkohol die Welt um sie gehüllt hat, um diesen Gedanken festzuhalten. Du bist all das, was sie dir gesagt haben. All die freundlichen Gesichter hier im Raum, all die Menschen hier, die sie lieben: Sie fügen sich ein in dieses Muster, das sie nun zu erkennen glaubt, ein Muster des Erfolgs, das sich abzeichnete, als sie vor acht Jahren in diesem Hotel erstmals die Idee hatte. Alles steht ihr jetzt offen. Nicht nur weil sie ein paar Drinks hatte; so betrunken ist sie nicht, dass sie nicht mehr unterscheiden könnte, welche ihrer Gedanken der Trunkenheit geschuldet sind und welche der Realität. Nein, die Freude, die sie in diesem Augenblick empfindet, ist real. Nichts könnte realer sein.
In Wahrheit jedoch ist dieses Zimmer im obersten Stockwerk leer. In beiden Nachbarzimmern schlafen Paare, und die 71 dazwischen ist ganz still. Niemand hat etwas aus der Minibar genommen. Niemand sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf dem Bett, niemand lässt seinen Blick aus dem Fenster über die Skyline von Bloomsbury schweifen, niemand dreht sich eine Zigarette. Das beliebte Parfüm existiert nicht, und auch die anderen aus dieser Produktlinie sind nie auf den Markt gekommen, weil sie es nie gewagt hat. Die Freunde existieren nicht. Die Hilary Thomas, die all dies erreicht hat und sich nun in ihrem Erfolg aalt, existiert auch nicht. Sie sollte existieren, aber sie ist nur einer der Millionen von Menschen, die in den Paralleluniversen durch die Räume dieses Hotels geistern. Die echte Hilary Thomas arbeitet in einem Teppichladen und ist unglücklich. Sie war seit Jahren nicht im Hotel Alpha.


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