Hotel Alpha

STORY 91: Zimmer 28 (1998)

Die sechsundsechzigjährige Mathematikerin und Physikerin Anita Chaudry, geboren in Neu-Delhi, liegt in der Badewanne. Sie stützt dabei ihren Kopf auf die Wasserhähne, was jedem anderen Menschen unsinnig erscheint, sie selbst aber bereits als kleines Mädchen schon so gemacht hat. Sie blickt auf die rechteckigen schwarzen und weißen Fliesen und erinnert sich an das letzte Mal, als sie hier war. So lebendig war die Erinnerung weder beim Einchecken, als sie an dem Tresen aus Walnussholz stand (obwohl sie sich an den gertenschlanken Mann, der sie bediente, von früher erinnerte), noch im Restaurant, wo sie ganz allein zu Abend aß, genau wie an dem Abend vor der Konferenz vor zwanzig … oder waren es einundzwanzig Jahre?
Erst jetzt, während sie das harte Metall in ihrem Nacken spürt, das Gefühl, das sie so mag, obwohl jeder sie deswegen für verrückt hält, während sie die Fliesen um sich herum betrachtet, erinnert sie sich daran, wie sie sich vorstellte, auf jede von ihnen den Namen einer Person, die sie kennt, zu schreiben. Ist es das gleiche Badezimmer? Es sieht jedenfalls genauso aus. Die Fliesen sind vielleicht ausgetauscht worden, oder sie werden mit fanatischer Sorgfalt gereinigt. Sie sehen nicht so aus, als seien sie zwanzig Jahre alt. Aber das Zimmer ist genauso aufgeteilt. Und ja, tatsächlich – über dem Bett hängt das Bild von dem Mann, der auf dem Mond herumspaziert. Sie hat es beim Hereinkommen nicht wahrgenommen, weil sie mehr oder weniger direkt in die Wanne gestiegen ist, wie sie es immer zu tun pflegt. Aber es ist da. Und es war auch beim letzten Mal da, oder?
Es ist das gleiche Zimmer, denkt sie. Sie versucht sich zu erinnern, was ihr durch den Kopf ging, als sie erstmals die Fliesen sah und die skurrile Vorstellung hatte, sie seien Teile einer visuellen Geschichte ihres Lebens und warteten darauf, mit den Tausenden von Namen beschriftet zu werden, die auf irgendeine Weise ihre Zeit auf Erden geprägt haben. Seltsam, wie nah und zugleich fern sie dieser Person ist, die vor zwei Jahrzehnten in eben dieser Badewanne – sie geht davon aus, dass es diese war – lag.
Es ist schwer, sich in ein früheres Stadium der eigenen Gedankenwelt zurückzuversetzen.
Doch wenn sie eine Weisheit von heute diesem Ich von damals weitergeben könnte, dann wäre es die, dass das Leben lang ist, länger, als man glaubt. Und zugleich kurz. Jeder weiß, dass das Leben kurz ist. Und doch zugleich merkwürdig lang.
Als ihr im Alter von fünfundvierzig die Idee mit den Namen auf den Fliesen kam, hatte sie das Gefühl, ein Großteil ihres Lebens sei bereits vorbei. Die destruktive Beziehung zu Rick kam ihr endgültig und unausweichlich vor. Der Status ihrer Freundschaften – die Freunde, zu denen sie noch Kontakt hatte, die, von denen sie sich entfremdet, mit denen sie sich zerstritten hatte, sie alle –, es kam ihr vor, als seien sie mit Tusche in einem Register verzeichnet und endgültig zu den Akten gelegt. Diese Vorstellung – die sie jetzt in Form eines leichten Sträubens der Haare an ihren Beinen, eines Kitzelns im Nacken, der Wärme des Wassers auf ihrem Bauch in genau gleicher Weise erneut durchlebt –, damals kam sie ihr vor wie ein Gedanke auf dem Totenbett. Von solcher Erhabenheit sind die Fragen, mit denen man am Ende seiner Tage ringt.
Doch damals wusste sie noch nichts von Vincenzo. Ist das nicht unglaublich? Dass es dasselbe Stockwerk, dasselbe Gebäude, dasselbe Leben war, eine fortlaufende Geschichte, und doch wusste die Anita von 1973 nichts von Vincenzo. Sie wusste nicht, dass es möglich war, einen Mann wie ihn kennenzulernen, mit seiner Hakennase und seinem unbändigen Humor, ein Mann, der sich in Venedig am zweiten Tag des Seminars absichtlich aus einer Gondel fallen ließ, nur um zu sehen, was passieren würde. Seine schwarze Haarmähne, die jeden Morgen nach dem Aufstehen eine andere Gestalt annahm; seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber seiner Frisur oder Kleidung oder allem anderen, womit die Leute sich üblicherweise beschäftigen. Quantentheorie war alles, wofür er sich interessierte, dafür und für Anita. Und so trafen sie sich auf Konferenzen und Seminaren. Sie sahen sich alle drei Monate. Manchmal wurden auch sechs daraus. Oder auch zweimal im Monat. Sie blieb mit Rick verheiratet, und Rick schien glücklich. Sie war mehr oder weniger glücklich und freute sich immer auf das nächste Mal, wenn sie in einer fremden Stadt auf die Uhr schauen und diese Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen sehen würde. Drei Nächte im Paradies. Für die lebte sie. Wenn sie vorbei waren, kehrte sie in ihre Welt zurück, und er in seine.
Vierzehn Jahre lang. Manchmal vermutete sie sogar, dass Rick es wusste. Wegen der Unruhe, die sie vor einer Reise überkam, wenn sie die Stunden zählte, bis sie Vincenzo sehen konnte. Weil sie Rick immer ausredete mitzukommen, wenn er vorschlug, aus einer Konferenz ein langes Wochenende für sie beide zu machen. Oder wegen ihrer Laune: wenn sie gereizt nach Hause kam und schon ganz offensichtlich an die nächste Reise dachte, die nächste Gelegenheit für ihr Phantomleben.
Vielleicht weiß Rick es ja und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Rolle spielt. Sie sind auf ihre Weise immer noch zusammen glücklich, und er hat nie das Bedürfnis, es anzusprechen. Das Herz wird ihr schwer, wenn sie daran denkt. Es war großteils nicht Ricks Schuld. Man heiratet den falschen Menschen, weil er einem zu diesem Zeitpunkt als der richtigste von allen erscheint.
Er war dreiundfünfzig, als sie ihn kennenlernte, ein paar Jahre älter als sie. Vierzehn Jahre lang. Sie schaffte es irgendwie, die Ehe mit Rick aufrechtzuerhalten und weder ihn noch seine wunderbare Mutter zu verletzen, die die stolzeste Frau auf Erden war, weil ihr Sohn mit einer einigermaßen berühmten Wissenschaftlerin zusammen war. Letztlich war Rick ein guter Ehemann. In ihrer Ehe gab es keinen Sex. Noch nicht einmal Liebe im ureigenen Sinn. Aber sie hatten einander gern. Sie hatten einander gern, und sie konnte zu Vincenzo fliehen und all das erleben, was das Leben in seiner ursprünglichsten Form zu bieten hat. Nur ein paar Tage dieser Ursprünglichkeit, und dann kehrte sie zu dem zurück, was man gemeinhin als die Realität betrachtet.
Er erzählte ihr erst von seiner Krebserkrankung, als sie schon ziemlich weit fortgeschritten war. »Der Krebs hat seine Sache gut gemacht«, so beschrieb er es. »Sehr professionell.« Sie sah ihn nach der Diagnose nur noch zwei Mal. In Seattle, wo sie den intensivsten Sex ihres Lebens hatten. Und dann in Glasgow. Es war seine letzte Konferenz und auch das letzte Mal, dass sie sich begegneten. Sie würde nicht an seinem Bett sitzen können, wenn er seinen letzten Atemzug machte, wenn er, voller Angst und doch wie immer einen Witz auf den Lippen, seine letzte Reise ins Nichts antrat, in eine Leere, für die er seine ganze Laufbahn lang argumentiert und die er dennoch gefürchtet hatte.
Als sie hörte, dass er gestorben war, ging sie in die Yorkshire Dales und weinte sechs Stunden lang. Sie las seinen Nachruf im Scientific American, wo er wie eine Berühmtheit beschrieben wurde, die sie so nie kennengelernt hatte. Irgendwann knüpfte sie Kontakte zu einigen seiner Freunde und erzählte ihnen von der Affäre. Sie wussten bereits davon. Nun sind es ihre Freunde.
Sie vermisst ihn jeden Tag, sobald sie aufwacht.
Nichts davon konnte sie mit fünfundvierzig wissen, als sie über sich dieselbe Decke sah und spürte, wie das Wasser ihren Körper wärmte. Sie hatte damals schon ihr halbes Leben hinter sich, und doch hatte es noch gar nicht richtig begonnen. Sie stand kurz davor, dem Menschen zu begegnen, durch den sie ihr Menschsein völlig neu erfahren würde. Nun, obwohl sie rein physikalisch denselben Raum einnimmt, befindet sie sich bereits auf der anderen Seite. Sie ist ihm begegnet, es war wunderschön, und sie hat ihn verloren.
Es ist verlockend, sich vorzustellen, dass sie aus ihren Empfindungen im Jahr 1973 lernen könnte. Ihr Leben war damals noch nicht vorbei, obwohl es ihr so vorkam. Das Leben hatte noch einen großen Trumpf im Ärmel. Und nun, mit sechsundsechzig, als sie sich im kälter werdenden Wasser zurücksinken lässt und auf die weiße Decke über sich blickt, kommt es ihr wieder vor, als sei es vorbei. Vincenzo ist gekommen und gegangen. Sie hat noch zehn, vielleicht fünfzehn Jahre vor sich. Sie wird an Konferenzen teilnehmen, veröffentlichen, forschen. Sie wird zu Bett gehen und neben Rick liegen. Aber hält das Leben für sie noch eine überraschende Wendung bereit? Wird es immer wieder eine Wendung geben?


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