Hotel Alpha

STORY 92: Zimmer 22 (1996)

von Jenny Gal Or

Als Clarice nach dem Frühstück in ihr Zimmer zurückkehrt, glaubt sie zuerst, sie habe sich in der Tür geirrt. Sie überprüft die Nummer, auch die auf ihrem Schlüssel, aber es handelt sich definitiv um Zimmer 22, das Zimmer, das sie bezogen hat. Außerdem gehören die meisten Dinge darin ihr: Ihr alter Koffer steht geöffnet auf einem Stuhl, ihr Nachthemd liegt sauber gefaltet auf dem Kissen, und selbst ihr Parfüm hängt in der Luft. Doch einige entscheidende Elemente sind komplett falsch. Zuerst einmal fehlen ein paar von ihren Sachen: Teds Wecker steht nicht mehr auf seiner Bettseite, und was besonders erschreckend ist: Ihr wunderschöner Hut, den sie und Ted am Tag zuvor bei Whiteleys ausgesucht haben, fehlt ebenso wie die zugehörige Hutschachtel.
Vielleicht noch merkwürdiger ist, dass anstelle der gestohlenen Gegenstände welche vorhanden sind, die Clarice noch nie zuvor gesehen hat: An der Garderobe hängt ein roter Mantel, der nicht ihr gehört, und neben dem Wasserkocher steht eine Tasse Tee, die sie nicht aufgegossen hat. Auf der Kommode liegt eines dieser Mobiltelefone, das ihr mit absoluter Sicherheit nicht gehören kann, da ihr nicht bewusst wäre, ein solches Gerät zu besitzen. Der Tag, an dem Ted mit diesem Compact-Disk-Abspielgerät und diesen geschrumpften Platten zu Hause auftauchte, bekam sie einen Anfall. Ted musste sie in seinem Arbeitszimmer aufbewahren, außerhalb ihrer Sicht- und Hörweite.
Doch am verstörendsten ist die komplette Umordnung des Mobiliars. Das Bett, in dem sie in der Nacht geschlafen hatte, stand an der linken Wand, nicht an der rechten. Die Tür zum Badezimmer, die sich dem Bett gegenüber rechts befand, öffnet sich nun zu ihrer Linken.
Clarice spürt, wie sich ihre Kehle zuschnürt und ihr Herz schneller schlägt. Als sie merkt, dass sie zittert, setzt sie sich in den Sessel am Fenster und schließt die Augen. Ted sitzt noch unten, damit er seinen Kaffee austrinken kann. Er ist immer so eine Schlafmütze. Er wird bald hochkommen und ihr helfen, dieses Kuddelmuddel zu durchschauen. Oder vielleicht ist es einer seiner dummen Streiche – seine Art von Humor. Wie dem auch sei, bald wird sich alles aufklären. Sie atmet tief durch und versucht, sich auf das zu konzentrieren, was er heute für sie beide geplant hat. Aber es will ihr nicht einfallen. Bevor wir dieses Durcheinander nicht beseitigt haben, denkt Clarice, kann ich über nichts anderes nachdenken.
Sie hört, wie draußen auf dem Gang eine Tür auf- und zugeht und gedämpfte Schritte über den Teppich eilen. Als sie ihre Augen wieder öffnet, steht eine blonde Frau mit bleichem Gesicht, aber nettem Lächeln in der Tür. Sie ist im Begriff einzutreten.
»Bist du fertig hier?«, fragt die fremde Frau. Sie wendet sich mit einem Ausdruck entspannter Vertrautheit Clarice zu.
»Wer sind Sie?«, fragt Clarice. »Wo ist Ted?« Sie bemüht sich, nicht panisch zu klingen. Die Frau lässt die Schultern hängen, und als sie weiterspricht, hört sie sich so enttäuscht an, dass sie Clarice fast schon leidtut. Die Frau wirkt sehr zierlich und überhaupt nicht bedrohlich, aber als sie sich vom Türrahmen löst und auf sie zugeht, packt Clarice die Angst.
»Ach, Mama«, sagt die Frau, während sie das Zimmer durchquert. »Eben ging es dir doch noch gut.«
Clarice zuckt vor ihr zurück, die Frechheit dieser Fremden empfindet sie als einschüchternd. Aber als diese Clarices Protest ignoriert und einen Arm um ihre Schultern legt, haben ihre Wärme und ihr Geruch plötzlich etwas so Vertrautes, dass Clarice sich unwillkürlich entspannt. Mit so viel Selbstbewusstsein und Empörung, wie sie aufbringen kann, dreht sie sich auf ihrem Stuhl und fragt: »Wer sind Sie und was tun Sie in meinem Zimmer?«
»Ich bin’s, Mama, deine Tochter Lucy. Und wenn du dich nicht beeilst und deinen Mantel anziehst, dann verpassen wir das Konzert deiner Enkeltochter.«
»Ohne Ted gehe ich nirgendwohin«, erklärt Clarice verärgert und verwirrt.
»Ted ist nicht da, Mama.«
»Wie meinen Sie das, er ist nicht da? Natürlich ist er da.«
»Papa hat dich schon vor Jahren sitzen lassen, und das weißt du.« Von diesem Ausbruch ist Lucy beinahe ebenso erschrocken wie Clarice und beißt sich auf die Lippen. »Aber wir sind hier«, sagt sie sanft. »Ich und Alex und Cassie, die dich unbedingt bei ihrem Geigenvorspiel dabeihaben will. Und zu dem wir zu spät kommen werden, wenn du jetzt nicht aufstehst und deinen Mantel anziehst.«
Halb mit gutem Zureden, halb mit Gewalt zieht Lucy ihre Mutter vom Stuhl hoch, und wider Willen gehorcht Clarice. Irgendetwas an der Fremden kommt Clarice bekannt vor, vor allem der Klang ihrer Stimme, weswegen es durchaus möglich sein kann, das sie dieser jungen Frau schon einmal begegnet ist. Vielleicht war sie in einem Chor oder Zweitbesetzung für einen von Clarices Parts.
»Singen Sie auch, meine Liebe?«, fragt sie Lucy nun in interessiertem Ton.
Lucy nimmt den roten Mantel von der Garderobe. »Nicht wirklich, Mama, das war immer dein Ding.« Lucy steckt Clarices Arme in die Mantelärmel. »Aber stattdessen hast du mir doch ganz passabel Klavierspielen beigebracht.«
Jetzt taucht ein etwa zwölfjähriges Mädchen in der Tür auf. Was bloß all die Leute von mir wollen, wundert sich Clarice. Das Kind ist schmal, und sein biederer distelgrüner Regenmantel ist bis zum Kinn zugeknöpft. Es trägt einen Geigenkasten auf dem Rücken wie ein Zeitungsjunge seine Tasche, und das fürchterlich krause Haar droht die Haarspange zu sprengen. Mit beiden Händen hält es ein graues kastenförmiges Gerät, auf dem es eifrig mit den Daumen herumdrückt. Tja, aus der wird wohl nie was werden, denkt Clarice.
»Wer ist das?«, fragt Clarice.
»Los jetzt, Oma, wir kommen zu spät«, sagt das Kind, ohne den Blick von dem Gegenstand in seiner Hand zu lösen.
»Was hält sie denn da in der Hand?«
»Das ist nur ihr Gameboy, Mama«, sagt Lucy.
»Ihr was?«
»Es beruhigt ihre Nerven.«
»Warum ist sie denn nervös?«
»Das habe ich dir doch schon erklärt: ihr Geigenvorspiel. Sie hat Lampenfieber vor den Auftritten. Hattest du das nicht?«
»Natürlich nicht. Auf der Bühne zu stehen, um andere Menschen zu erfreuen, ist ein großes Privileg«, erklärt Clarice. Aber im Inneren weiß sie, dass das nicht ganz ehrlich ist. Bevor sie singt, bibbert sie immer ein bisschen – das ist ganz normal. Aber viel beängstigender als der Anfang ist das Ende, wenn ihr letzter Ton verklingt und der Applaus abebbt.
»Papa wartet schon unten«, sagt das Mädchen und sieht immer noch nicht auf.
»Wir kommen ja schon, Cass«, sagt Lucy und drängt Clarice zur Tür. Als sie an dem großen Spiegel über dem Frisiertisch vorbeikommen, ignoriert Clarice die beiden Fremden, die sie darin sieht, und deutet stattdessen auf die Spiegelung des Raums hinter ihnen – das Bett zur Linken, das Bad zur Rechten. »Da ist ja mein Zimmer!«, ruft sie triumphierend. »Ich bin auf der anderen Seite.«


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