Hotel Alpha

STORY 93: An der Rezeption (2005)

»Hotel Alpha, Rezeption, was kann ich für Sie tun?«
»Ist … Graham da?«
»Verzeihung?«
»Graham. Ich habe gehofft, ich könne jemanden sprechen … äh … der Graham hieß und bei Ihnen gearbeitet hat.«
»Tut mir leid, die Verbindung ist nicht besonders gut.«
»Ich rufe aus New York an«, erklärt die Dame am anderen Ende der Leitung. »Na ja, ich vermute, er hat schon vor Jahren aufgehört.«
»Graham Adam?«
»Ja!« Suzie hört aus der weit entfernten Stimme Zuneigung heraus. »Der gute alte Graham. Ist ewig da gewesen.«
»Tatsächlich ist er erst seit ein paar Wochen weg.«
»Oh. Verstehe.«
»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«, fragt Suzie und klemmt sich den Hörer unters Kinn, während ihre Finger nur darauf warten, in die geöffnete Datei vor ihr eine Notiz zu tippen. Graham pflegte seine Nachrichten immer sehr umständlich zu Papier zu bringen, trotz seines ausgezeichneten Gedächtnisses. Der Akt des Notierens, das Kratzen seines Füllfederhalters machten ihm Freude. Aber die Dinge entwickeln sich nun mal weiter.
»Könnte ich vielleicht eine Nachricht für jemanden hinterlassen? Ich war seit einer Ewigkeit nicht im Alpha. Ich lebe … in den USA. Ich bin nie nach England zurückgekehrt. Aber es gab da eine Frau, die viel im Alpha gearbeitet hat. Lara. Lara Krohl. Sie kennen nicht zufällig jemanden dieses Namens, die immer noch ins Hotel kommt? Es ist mehr als zehn Jahre her … sogar noch viel länger als zehn Jahre, also …«
»Doch, sie kommt immer noch her«, unterbricht Suzie sie, und darauf entsteht eine so lange Pause, dass sie sich schon fragt, ob die Frau aus der Leitung geflogen ist.
»Verzeihung, sagten Sie, sie kommt immer noch? Sie sehen sie?«
»Ja. Aber nicht so oft, ich glaube, sie macht gerade einen längeren Urlaub.«
»Aber sie taucht immer noch auf?«
»Ja.«
»Also haben Sie sie ganz bestimmt gesehen, seit diesem … nachdem dieses ganze Zeug passierte, die Bombenanschläge?«
»Äh, ja, ich denke schon, sie war erst letzte Woche hier.«
Wieder eine Pause.
»Sind Sie noch dran? Hallo?«
»Ja. Ja, tut mir leid.« Die Anruferin klingt ziemlich aufgewühlt. Wenn sie vor ihr stünde, würde Suzie ihren speziellen, besonders beruhigenden Tonfall einsetzen, aber sie zweifelt, dass das übers Telefon funktioniert. »Tut mir leid, ich … also gut. Dann könnte ich vielleicht eine Nachricht für sie hinterlassen, die Sie ihr geben, wenn sie das nächste Mal vorbeikommt?«
»Ja, natürlich.«
»Ich … also gut. Sagen Sie ihr, dass es mir gut geht und dass ich hoffe, dass es ihr auch gut geht, und dass ich an sie gedacht habe, weil ich im Fernsehen gesehen habe, was passiert ist, und dass sie vielleicht auch an mich gedacht hat, wegen der Twin Towers, und …«
Suzies Finger fliegen über die Tasten. »Verzeihung, könnten Sie vielleicht ein bisschen langsamer sprechen?«
»Ist egal. Sagen Sie ihr einfach, dass jemand für sie angerufen hat und immer wieder an sie denkt. Dass sie sie nicht vergessen hat.«
»Äh, in Ordnung. Und wie war noch mal Ihr Name?«
»Ella Flanders.«
»Und wollen Sie mir vielleicht eine Nummer hinterlassen, damit sie Sie erreichen kann oder …?«
Diesmal ist Suzie auf die Pause gefasst. Sie kann der Anruferin förmlich beim Nachdenken zuhören. Die Stimme, mit der sie das Gespräch dann beendet, klingt brüchig und entschlossen zugleich.
»Nein. Nein, geben Sie ihr nur die Nachricht weiter.«


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