Hotel Alpha

STORY 94: Im Restaurant (2001)

Der Kellner führt Walt und Helen Hirsch (sie wird den Nachnamen behalten) an denselben Tisch wie vor elf Jahren.
Beide glauben weder an reinen Zufall, noch könnten sie mit Sicherheit sagen, dass es sich um eine Fügung oder gar mehr handelt: einen Scherz, den sich das Universum erlaubt, einen Fingerzeig. Walt sagt regelmäßig, dass jeder selbst über sein Schicksal bestimmt, etwas, das er oft in seinen Motivationsreden verwendet, und er führt seinen erstaunlichen Gewichtsverlust als Beispiel an. Helen gefällt die Vorstellung noch immer, dass Gott über alles wacht, auch wenn sie inzwischen nicht mehr so sicher ist, was genau sie damit meint und wie viel Einfluss ihre Gebete auf Seine Entscheidungen haben. Ob Er immer vorhatte, Barbaras Krankheit wieder ausbrechen zu lassen oder ob Er Argumenten prinzipiell offen gegenübersteht, sich aber nicht von dem Gebetsmarathon hat überzeugen lassen, den Helen mit organisiert hat. Ob Gott schon immer gewusst hat, dass sie mit ihrer Ermahnung wegen Walts Gewichts vor über zehn Jahren, in eben diesem Restaurant, ein Feuerwerk an Ereignissen zünden würde, in Folge derer Walt sein Leben umkrempeln, sie beide aber auseinandergehen würden. Oder ob das selbst für Gott eine Überraschung war.
Sie weiß nicht, ob Walt noch an Gott glaubt. In den kommenden Jahren wird sie so vieles nicht mehr über ihn wissen, fällt ihr auf. Sie schüttelt den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen. Walt hat die Speisekarte in die Hand genommen, lässt seinen Blick rasch über die ersten Zeilen gleiten und legt sie wieder hin, und das alles innerhalb von zehn Sekunden, wie immer in letzter Zeit. Er muss nie bis weiter unten lesen, wo die Gerichte komplizierter werden.
»Lass mich raten«, sagt sie. »Grüner Salat, kein Ei, auch kein Krautsalat, nur Blattsalat.«
»Ganz genau.« Walter grinst. Er sieht immer noch sehr gut aus, wenn er lächelt. Er hat seine Zähne bleichen lassen, als er diesen Fernsehspot bekam und beschloss, ganz nach London umzuziehen. Sie fand das lächerlich, aber sie sehen wirklich großartig aus. Er sieht jünger aus als 1990. Jünger und glücklicher. Sein Leben scheint sich in jeder Hinsicht verbessert zu haben, nun, da er neun Monate pro Jahr in Großbritannien verbringen und die All-Corp leiten wird, während Huey von den USA aus das Organisatorische regelt und Helen in Amerika bleibt, um … um was auch immer zu tun, da sie und Walt nun übereingekommen sind, dass es besser sei, getrennte Wege zu gehen.
Ist es nicht das, was sie ihm immer gewünscht hat? Ein längeres, erfüllteres Leben?
Als der Kellner kommt, räuspert sich Helen und beginnt mit der Bestellung. Immer hat sie für sie beide bestellt, in London, Tokio, Sydney, an all den Orten, wo sie früher waren. Früher, bevor sich alles verändert hat. Ihre Stimme zittert ein bisschen.
»Ich hätte gerne die … äh, Tortellini, bitte.« Sie merkt, dass sie sich noch einmal räuspern muss, damit ihr Tonfall fester klingt. »Für ihn den grünen Salat. Ohne alles, kein Dressing.«
»Und was möchten Sie trinken?«, fragt der Kellner und kritzelt auf seinem Notizblock herum.
»Ich wollte einfach Wasser nehmen«, sagt Helen und sieht Walt in die Augen. »Aber für dich ist das vielleicht ein wenig zu fett?«
Der Kellner sieht argwöhnisch von seinem Block auf. Walt zieht kurz die Augenbrauen hoch und bricht dann in ein fröhliches Gelächter aus, so laut, dass die anderen Gäste sich umdrehen – ein Paar etwa in ihrem Alter eingeschlossen, das ein paar Tische weiter etwas zu trinken bestellt. Als der Kellner sich mit einem kaum merklichen Kopfschütteln Richtung Küche zurückzieht, biegen sich die Hirschs vor Lachen.
»Ach Gottogottchen«, sagt Walt und zuckt kurz zusammen, weil sie ihn vielleicht gleich wegen der Ausdrucksweise rügen wird, aber darüber sind sie inzwischen hinaus. »Der dachte, wir ticken nicht richtig.«
»Vielleicht stimmt das ja auch«, sagt Helen und strahlt ihren Mann an.
Walt gibt einen schwelgerischen Seufzer von sich, wie früher nach einem ausgiebigen Mahl. »Oh Gottogott, das wird mir ganz sicher fehlen, Helen.«
Helen will »mir auch« sagen, aber kann sich dann doch nicht so recht durchringen. Genauso wenig wie zu den Worten, die sie eigentlich sagen möchte, nämlich: Wenn ich dir fehlen werde und du mir fehlen wirst und wir so viele Jahre so gut miteinander zurechtkamen, warum tun wir das dann? Wenn du unbedingt hier leben musst, vielleicht kann ich ja doch mitkommen? Oder du könntest zu Hause bleiben und Huey könnte nach London gehen? Vielleicht waren unsere Meinungsverschiedenheiten gar nicht so relevant, wie sie schienen, und wir könnten einen neuen Anfang wagen?
Aber sie wird ihn nicht anflehen. Sie wird ihren Mann nicht anflehen, wenn er wirklich überzeugt davon ist, dass er das tun muss.
Unweit der Hirschs brütet das Paar, das vorhin durch das laute Gelächter kurz unterbrochen wurde, immer noch über der Speisekarte. Genauer gesagt brütet Fiona über ihrer. Martin O’Connell trinkt ein Glas Bitter. Auf Guinness verzichtet er inzwischen. Es bekommt ihm nicht mehr, verursacht Sodbrennen, das ihm in seiner stärksten Form eine beängstigende Ahnung davon vermittelt, wie es sich anfühlen könnte, wenn er wirklich ernste gesundheitliche Probleme bekäme. Männern in seinem Alter kann das durchaus passieren. Cormac war noch nicht mal fünfzig. Kippte im Kino um. Martin möchte nicht, dass es ihm genauso ergeht. Aber wenn Fiona noch länger braucht, um einen verdammten Cocktail auszuwählen, dann fällt er tot um, noch bevor sie aus diesem Hotel raus sind.
»… aber irgendwie wäre es schade, einfach eine Piña Colada zu nehmen – weißt du, die kenne ich ja schon, und hier haben sie dieses ganze ausgefallene Zeug auf der Karte. Andererseits, das Problem ist, wenn man sich für was Neues entscheidet, dann kriegt man, wenn man Pech hat, so ein winziges Glas, das man in zwei Schlucken ausgetrunken hat, und dann kommt man sich ohne Getränk blöd vor, während die anderen noch vor ihren Humpen sitzen, und …«
»Du kannst doch jederzeit noch einen zweiten bestellen«, beruhigt Martin sie und dreht seinen Kopf 90 Grad zur Seite, falls in seinen Augen Gereiztheit zu erkennen sein sollte. So schaut er nun in die Halle. Er kann fast die Stelle sehen, wo er sie zum ersten Mal getroffen hat, als sie den Ring wegfeuerte. War es da oder mehr dort drüben? Eigentlich sollte die Erinnerung daran noch ganz lebendig sein, doch wo er jetzt den tatsächlichen Schauplatz vor Augen hat, ist er überrascht, wie verschwommen die Details sind. So geht es ihm mit vielen Erinnerungen, seit er älter wird. Es ist mehr wie bei Szenen aus einem Film, die er noch vage im Kopf hat, nicht wie etwas, das er selbst erlebt hat. Immerhin erinnert er sich noch an das entscheidende Detail: Fiona.
»Wenn Sie Fragen haben«, sagt der junge Kellner, der einen guten Eindruck machen will, »dann kann ich Ihnen vermutlich ganz genau sagen, was in den Cocktails drin ist, die Sie interessieren.«
»Oh, also, Tequila Sunrise. Tut mir leid, es ist hoffnungslos mit mir, aber ist das das Gleiche wie …«
Martin schlägt seine Beine übereinander und merkt, wie er seine Hände im Schoß zu Fäusten ballt. Sie mussten zwangsläufig hierher zurückkommen. Hier hat alles angefangen. An diesen Ort kehrte er Jahr für Jahr zurück, wenn er in London war, weil ihm keine andere Möglichkeit einfiel, wie er sie finden sollte. Es stellte sich heraus, dass es reichte, einfach zu warten. So lange zu warten, bis er sie so gut wie vergessen beziehungsweise trotz der Besorgnis seiner Mutter mehr oder weniger beschlossen hatte, dass er sehr gut alleine zurechtkam. Dazwischen nahm er die Affären mit, die ihm so unterkamen – und das waren in manchen Phasen ziemlich viele, in anderen sehr wenige. Es stellte sich letztendlich heraus, dass er sich einfach nur von dem Gedanken hatte verabschieden müssen, dass er sich seine einzige Chance auf das Glück durch die Lappen hatte gehen lassen – denn in dem Augenblick bot ihm das Schicksal, das manchmal zu fast kindischen Späßchen aufgelegt ist, eine zweite Chance, und zwar am Gepäckband des Flughafens Gatwick. Er hätte diese Beine, dieses erdbeerförmige Gesicht überall wiedererkannt. An der Art, wie sie an das Gepäckband herantrat, ihren Koffer nahm und sich dann unschlüssig umsah, begriff er, dass sie nicht einfach nur alleine am Flughafen war. Sie war allein, Punkt. Er wusste es einfach. Dies war seine zweite Chance.
»Fiona!«
Kein Wunder, dass sie überrascht zusammenzuckte, als sie ihren Namen hörte, und dann blinzelte sie Martin an, als versuche sie ihn aus weiter Entfernung zu erkennen.
»Verzeihung …«, sagte sie zögernd.
»Ich habe Sie im Hotel Alpha gesehen …«, antwortete Martin.
Das ist nun einige Monate her, und sie hatten einfach endlich hierher kommen müssen, auch wenn Martins Erinnerungen vager sind, als er zugeben mag, auch wenn Fiona das Hotel mit jener großen Auseinandersetzung in Verbindung bringt und mit der Verlobung mit einem Mann, der sich in jeglicher Hinsicht als Niete erwies. Es war, als müssten sie mit diesem Ort ein für alle Mal abschließen. Sie sind mit dem Zug aus Halesworth gekommen, wo er ein paar Wochen bei Fiona verbracht hat. In aller Ruhe. Ein paar wunderschöne Wochen.
»Und der Cosmopolitan … der wird doch gerne genommen, oder?«
Ein paar mehr oder weniger wunderschöne Wochen. Es war das erste Mal, dass sie längere Zeit am Stück miteinander verbrachten, und nachdem sie beide Menschen mit viel Lebenserfahrung sind, haben sie natürlich in bestimmter Hinsicht relativ feste Vorstellungen, was zu dem einen oder anderen kleinen Missverständnis führte. Er war eingeschnappt, weil sie den Geruch der gebratenen Makrele verabscheute, mit der er sie eines Morgens überraschen wollte. Nun, die Überraschung war geglückt, aber nicht so wie beabsichtigt. Ebenso wenig wusste Martin – das kann man auch nicht wissen, wenn man noch nie mit jemandem zusammengelebt hat –, dass sie erstaunlich lange braucht, um morgens ihr ganzes Make-up aufzulegen und ihr Haar zu richten, und dass sie damit anscheinend noch einmal von vorne anfängt, bevor sie das Haus verlassen. Und jetzt das mit der Speisekarte. Erst wenn man mit jemandem mehrere Male ausgegangen ist, stellt man fest, dass das Zögern bei der Bestellung weniger eine Laune als mehr ein Charakterzug ist, ein generelles Misstrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit, eine ernst zu nehmende Beeinträchtigung.
»Okay. Also, äh, das ist jetzt wirklich blöd. Ich nehme einfach irgendwas und bin sicher, das wird gut sein … äh …«
Martin O’Connell muss sich nun sehr zusammennehmen, um nicht ein hörbares Geräusch von sich zu geben, als sie die Karte in ihrer Hand umdreht. Die Rückseite ist leer – was sie sehr wohl weiß, denn sie hat sie bereits einmal angesehen, aber sie benimmt sich weiter so, als sei darauf eine Antwort zu finden. Er atmet ein paarmal tief durch und schaut hinüber zu dem Paar, das über den Tisch hinweg Händchen hält, ein Paar, das schätzungsweise nicht viel älter ist als Fiona und er. Sie lachen wieder beide etwas lauter über einen Scherz, und er verspürt kurz einen Stich der Eifersucht.
Da sitzen sie nun zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, und so manche Szene in den Geschichten dieser beiden Paare spielte sich in diesem Gebäude ab. Würde ein Außenstehender ihre jeweilige Situation kennen, er würde vielleicht anmerken, wie überaus schwierig es ist, den Unterschied zu erkennen zwischen dem Beginn und dem Ende einer Beziehung.


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