Hotel Alpha

STORY 95: In der Halle (2005)

Anmerkung: Diese Geschichte enthält Spoiler für den Roman.

Nein, kein Zweifel, er hat genau das gesagt: »Eigentlich habe ich dich aus dem Feuer gerettet.« Und meinte damit, dass er – Graham, der Portier – und nicht Howard York es war, dem die spektakuläre Rettung des blinden Kindes gelungen war. Was bedeuten würde, dass sie die ganze Zeit über gelogen hatten. Liam treibt sich schon lange genug im Alpha herum, um die potenzielle Tragweite dieser Behauptung einschätzen zu können. Howard York ist, zumindest in London, eine Berühmtheit. Wenn der tatsächlich gelogen hat!
In der Zeit vor Hutch hätte Liam sich nicht einmal die Mühe gemacht, dieses Gespräch zu belauschen, geschweige denn zu überlegen, was es zu bedeuten habe, und noch weniger hätte er darauf reagiert. Aber er ist nicht mehr der Mensch, den sie kennengelernt hat. Er ist das genaue Gegenteil davon. Er ist nun ein Mann, der schon beim Aufwachen darüber nachdenkt, welche Dinge er angehen, welche er in Ordnung bringen könnte. Er wartet nicht darauf, dass die Kunden zu seiner Beratungsfirma gelaufen kommen. Er macht sich jeden Morgen ab acht Uhr daran, auf sie zuzugehen. Und auch wenn er selbst nicht direkt davon profitiert, versucht er, Dinge in die richtigen Bahnen zu lenken. Und dieser Fall könnte für seinen Kumpel Padraig, der als einfacher Reporter in irgendeinem BBC-Nachrichtenressort arbeitet, von beträchtlichem Interesse sein. Deshalb wird Liam es ihn wissen lassen. Er wird es ihn wissen lassen, sobald er wieder Netz hat.
Aus der Körpersprache aller rund um Howard Versammelten kann Liam schließen, dass er sich nicht verhört, nichts missverstanden hat. Auch wenn dies ein besonderer Tag ist, voller Gefühlsausbrüche und verwirrender Nachrichten, spielt sich bei den Yorks zweifelsohne ein ganz eigenes Drama ab. Howard, der immer so gut aussieht – im Winter gebräunt, im Sommer mit halb offenem Hemd – ist schneeweiß im Gesicht. Sarah-Jane schreit herum, der Blinde sieht aus, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. Das ist garantiert eine Story.
Liam sieht Hutch in letzter Zeit nicht mehr so häufig. Noch lange nach ihrer ersten Begegnung haben sie sich hier jede Woche auf einen Drink getroffen. Er erzählte ihr dann, was er erreicht hatte, welche Pläne er als Nächstes hatte und wodurch er seinen kostbaren Platz hier auf Erden rechtfertigte. Er fragte sie nie nach ihrem Leben – das gehörte zu ihren Spielregeln. Selbst nach fünf Jahren regelmäßiger Treffen wusste er nicht, ob sie verheiratet war, in einer Beziehung lebte oder so. Darüber wurde nicht geredet, und abgesehen von ihrem gewohnheitsmäßigem harmlosen Flirt war das Thema nicht präsent. Es gab auch nie eine formelle Bestätigung der Tatsache, dass sie sich weiterhin treffen würden. Weder drängte sie darauf, dass er offiziell ihr Klient wurde, noch sprach sie je ihre Freundschaft oder platonische Liebe, oder was immer es auch war, an. Er begriff schließlich die Regeln. Er akzeptierte es immer, wenn sie nicht da war – manchmal war er darüber enttäuscht, aber er fügte sich. Diese Art der Beziehung passte zu ihm, vielleicht war es das. Auf jeden Fall schien sie zu ihr zu passen. Und was anfangs eine Art Running Gag gewesen war, nämlich dass er ihr berichten, sie beeindrucken sollte, wurde überraschend schnell ernst. Eines Tages wachte er auf und war nicht länger der, der spaßeshalber ihre Lebensratschläge annahm und Rechenschaft über deren Wirkung auf ihn ablegte. Es wurde ihm klar, dass er sich auf eine Veränderung seiner Persönlichkeit eingelassen und das Spiel so lange mitgespielt hatte, bis es keines mehr war.
Liam hat Hutch nun seit Wochen nicht gesehen. Er kommt immer noch donnerstags her, weil es der Tag ist, an dem sie sich meistens getroffen haben, und da sie sich stets weigert, ihm ihre Mobilnummer oder E-Mail-Adresse zu geben, und ihm ausredet, zu einem ihrer Vorträge zu kommen, ist das seine einzige Chance. Er hat wirklich gehofft, dass sie heute hier sein wird. Nun muss er den Gedanken zulassen – und das ist, als würde ein Eiswürfel an seinem Rücken hinuntergleiten –, dass sie in einem dieser Züge gesessen hat. Es könnten sogar noch weitere Bomben hochgehen. Niemand weiß, was heute passiert. Was all das zu bedeuten hat.
Aber während ihrer Abwesenheit muss er darüber nachdenken, was sie von ihm erwarten würde. Sein Handy glotzt ihn immer noch nutzlos an, und an den Telefonen hinter der Rezeption bilden sich Schlangen. Liam wird das Alpha verlassen, zu einer Telefonzelle gehen und Padraig berichten, was er erfahren hat.


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