Hotel Alpha

STORY 96: Auf dem Vorplatz (1999)

Kerslake ist schon lange nicht mehr hier gewesen. Freiwillig wäre er auch nicht gekommen, dafür sind zu viele Erinnerungen mit dem Ort verbunden. Aber heute Abend hatte er, wie so oft in den letzten Jahren, keine Wahl. Er kam aus einer Filmvorführung im University College, nicht weit von hier die Straße hoch. Ein unterkühlter Vorlesungssaal, den sie einmal im Monat in ein finsteres kleines Kino verwandeln, um Filme zu zeigen, die nur wenige Leute interessieren. An so einem Ort fühlt Kerslake sich wohl, oder jedenfalls weniger unwohl als irgendwo sonst. Es waren nicht viele Zuschauer da. Eine Handvoll Studenten und ernst dreinblickende Ausländer, die gar nicht erst ihre Mäntel auszogen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dort jemandem über den Weg zu laufen, der weiß, wer er ist.
Wer er einmal war.
Aber dann, als er auf dem Weg zur Bushaltestelle eine Abkürzung durch eine Seitenstraße nahm, tauchten sie in der Dunkelheit auf. Ein Bursche im Kapuzenpulli. Dann noch einer. Sie taten gar nichts, standen einfach so da und versperrten ihm den Weg. Zwei muskulöse Jungs. Er ging einen Schritt auf sie zu, weil er dachte, am besten tue er so, als sei nichts.
»Was guckst du?«, fragte einer und kniff die Augen zusammen. Die Haltung der beiden, das Macho-Gehabe. Älter als Teenager, dachte er, Anfang zwanzig. Aus ihrer Körpersprache schlugen ihm ungezügelte Kraft und ziellose Wut entgegen.
»Ich gucke gar nicht …«, sagte er stockend. »Ich tue gar nichts.«
Bob Kerslake sah sie an. Als er vor zwanzig Jahren die bettelnde Inderin getroffen hatte, gleich hier um die Ecke, da fühlte er sich unbesiegbar, und diese beiden Jungen waren noch Säuglinge. Jetzt könnte jeder der beiden ihn mühelos überwältigen.
»Bitte lassen Sie mich durch«, sagte er.
Die beiden sahen sich an und fingen an zu lachen. Es klang nicht wirklich grausam, sie waren aufrichtig amüsiert. Was fast noch schlimmer war. Er stellte sich vor, wie er ihnen vorkommen musste: ein schwacher alter Mann, der versucht, so zu tun, als würde er immer noch den Ton angeben. Nur dass sie nicht einmal wussten, dass er früher tatsächlich jemand war. Sie sahen nur einen alten Mann. Sie rochen wahrscheinlich, dass er getrunken hatte, aus dem kleinen Flachmann, den er in den Vorlesungssaal geschmuggelt hatte.
»Wie viel Geld hast du?«
»Ich werde Ihnen …«, setzte er an, und die Erinnerung an die Bettlerin streifte seine Gedanken. »Wenn Sie glauben, ich gebe Ihnen was, dann …«
Da stemmten sie ihn praktisch in die Luft und stießen ihn gegen die Mauer, in seinem Hinterkopf schien etwas zu explodieren, und dann lag er am Boden. Die ersten Tritte fühlten sich an wie Messerstiche, er schrie auf, er wimmerte. Sollten sie doch nehmen, was sie wollten. Er hatte Angst, dass sie ihn umbringen würden, und so verkorkst sein Leben inzwischen auch sein mochte, der Gedanke an das Ende erschreckte ihn. Als weitere Tritte ihn trafen, kam er zu dem Schluss, dass es sich nicht lohnte, um sein Leben zu kämpfen. Sollten sie ihn doch einfach hier liegen lassen. Er schmeckte Blut in seinem Mund. Er merkte es kaum, als sie sich davonmachten. Er schloss die Augen.

Sarah-Jane kommt zum Luftschnappen raus, auch wenn das merkwürdig klingt, wenn man dabei raucht. Der Rauchersalon fehlt ihr ein wenig. Dort war immer etwas los. So wie es aussieht, werden sie wohl das Rauchen in geschlossenen Räumen ganz verbieten. Unglaublich! Man konnte früher selbst in Bussen rauchen, sogar in Flugzeugen. Als JD erst ein paar Monate alt war, machte sie mit ihm eine Flugreise, bei der er als kleines Bündel in ihrem Schoß lag, und die Texanerin auf der anderen Seite des Gangs blies ihm die ganze lange Strecke über den Atlantik ununterbrochen Qualm ins Gesicht. Und dann, beim Aussteigen, drückte sie Sarah-Janes Arm und sagte: »Er ist ja so süß, meine Liebe, passen Sie gut auf ihn auf.«
Sie blinzelt in die Dunkelheit, in der sich eine Gestalt auf sie zubewegt, mit schwerem Schritt und Lauten wie von einem seltsamen Tier. Als die Gestalt näher kommt, wird ihr klar, dass diese Laute kurze Schreie sind. Jeder Meter, den der Mann sich voranschleppt, bereitet ihm Schmerzen. Sie sieht das nicht zum ersten Mal: die mühsamen Bewegungen und mutlosen Schritte eines Menschen, den seine schiere Existenz völlig überfordert. Auch dafür ist das Hotel da, zumindest manchmal. Für solche Augenblicke. Darauf ist sie mit am meisten stolz, dass es Leute anzuziehen scheint, denen es schlecht geht, und sie in besserem Zustand wieder entlässt.
Sarah-Jane geht in die Dunkelheit hinaus und streckt ihm einen Arm entgegen. Dieses Wesen, dieser gebrochene Mann, klammert sich daran und lässt sich in die Halle bringen.
»Kommen Sie erst mal rein. Um Himmels willen! Was ist denn passiert?«
Er ist nicht in der Lage zu antworten, und sie braucht auch keine Antwort. Im Hotel sind die Lichter zu grell, er wimmert, will etwas sagen, bringt aber nur ein elendes Stöhnen hervor. Sarah-Jane tritt einen Schritt zurück, er riecht nach Blut und Bier, seine Kleidung ist mit Straßenstaub bedeckt, der Saum seiner Hose heruntergerissen. Geschwollene Lippen. Getrocknetes Blut, wie Make-up. Die Augen … Irgendetwas ist mit den Augen. Und mit seinem Gesicht.
Er und Sarah-Jane blicken sich an, bis er sich abwenden muss.
Es dauert nur Sekunden, bis sie ihn einordnen kann. Jener Abend hier im Hotel. Dieses höhnische Grinsen. »Liebesperlen.« Dieser große Mann – mein Gott, er sieht jetzt auch körperlich kleiner aus – mit seinem Anzug, seinem Bierglas in der Hand, umringt von Bewunderern. Dieser Frauenfeind! Wie er sie auslachte! Sie hat ihn danach noch mehrfach gesehen. Immer der gleiche Ausdruck in seinen Augen. Diese Überlegenheit, die er für sich in Anspruch nahm, weil er ein Leben ganz nach seinen Vorstellungen lebte, weil er ein Mann war, weil er Vorrechte genoss, die ihm gar nicht bewusst waren, und andere, die ihm bewusst waren und die er für berechtigt hielt. Weil es eine Männerwelt war und er ein erfolgreicher Mann und sie die Frau eines anderen erfolgreichen Mannes. Eine, die Kinder wollte. Eine, die keine Medizinerin war.
Rache – das Wort schoss ihr durch den Kopf, kaum dass sie einen Schritt zurückgetreten war, und ihre Wangen brannten vor Wut und Verlegenheit – ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Kalt ist sie nun, ohne Zweifel (wie Graham sagen würde): Das ist – das muss zwanzig Jahre her sein. Oder sogar noch länger, denn JD wird dieses Jahr zwanzig.
Sie sieht Kerslake an, und er sie, aber er kann ihrem Blick nicht standhalten, er muss seine Augen abwenden.
Und ich soll dich jetzt verarzten oder was? Ich soll dich in die Wellness-Suite bringen, in Zimmer 8, wo wir das Desinfektionsmittel, die Reinigungstücher, die Bandagen und so weiter haben, dein Gesicht säubern, die Wunden verpflastern und einen Arzt rufen, damit er dich untersucht – obwohl du doch selbst Arzt bist oder warst –, und dann übernachtest du gratis hier? Das soll ich also tun? Ich soll so tun, als spiele es keine Rolle mehr, dass du vor zwanzig und ein paar Jahren ein Schwein warst? Weil wir ja jetzt andere Menschen geworden sind – was nicht stimmt?
Sarah-Jane könnte ihm diesen Vortrag halten. Sie könnte ihn mit einer höchst dürftigen Entschuldigung wieder wegschicken. Sie könnte auch sagen: »Man sollte sich gut überlegen, wen man von oben herab behandelt. Man weiß nie, auf wen man einmal angewiesen ist.« Sie könnte ihn auskosten, diesen Augenblick. Es ist genau das, wonach sie sich nach jenem furchtbaren Abend gesehnt hat. Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Der Mann, der sie früher schikanierte, fleht sie nun unterwürfig um Hilfe an.
»Ich, äh …« Kerslake versucht etwas zu sagen, schluckt dann mühsam. »Ich …«
Sie spürt, wie sich etwas in ihr verändert. Ist es Mitleid, das all die anderen Gedanken überlagert? Der Mann ist verletzt und braucht Hilfe. Sie sind doch beide menschliche Wesen. Oder sagt ihr Instinkt ihr, dass es sogar noch demütigender für ihn sein wird, wenn sie ihm hilft? Dass ihr medizinischer Beistand das Schlimmste ist, das er sich vorstellen kann, schlimmer, als wenn sie ihm gesagt hätte, er solle sich verpissen, weil es die Rollenumkehr schlechthin ist?

»Kommen Sie«, sagt sie und fasst wieder seinen Arm. »Wir stellen Sie schnell wieder auf die Beine.«


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