Hotel Alpha

STORY 97: In der Alpha-Bar (2005)

Ray ist im Dienst, als Paul auftaucht. Er erkennt ihn sofort: die flache Mütze und die Kopfhörer, die ein bisschen angebermäßig auf seinem Kopf sitzen. Kürzlich fand hier ein Seminar für Designer von einer englisch-schwedischen Firma statt, lauter Hipster, die Cocktails tranken und schreiend bunte T-Shirts trugen und eine Menge Gesichtshaar zur Schau stellten, was Ray als unmodisch erachtete, obwohl es vermutlich gerade der letzte Schrei war. Zu diesem Haufen hätte Paul hervorragend gepasst, wenn er auch einen Hauch konservativer gestylt ist als sie. Aber heute ist die Bar kaum gefüllt, vor allem Touristenpaare, und Paul steht etwas unbeholfen an der Ecke des Tresens und wartet anscheinend darauf, dass Ray sich als Erster bewegt.
Ray tut, als habe er ihn nicht bemerkt. Sein Herz schlägt schneller, und er muss das Mädchen bitten, ihre Cocktailbestellung zu wiederholen.
Paul verfolgt Ray seit der Begegnung in der U-Bahn in seinen Träumen, wenn das Wort »Begegnung« für ein so kurzes Zusammentreffen ohne verbale Kommunikation überhaupt passend ist. Einmal träumte er von den Höhlen in Wookey Hole und von einer Übernachtung bei Paul. Dabei waren sie beide allerdings in ihrem jetzigen Alter und Pauls Mutter so alt wie damals, was eine sexuelle Spannung herbeiführte, aufgrund derer sich Ray nach dem Aufwachen irgendwie betrogen fühlte. Er lag dann etwa eine halbe Stunde im Bett und überlegte, wie alt Pauls Mutter inzwischen wohl sein mochte und wie sie wohl aussah. Rays Eltern wohnen nicht mehr in der gleichen Gegend wie sie.
Zwei Wochen lang seltsame Träume und Fantasien über ihre frühere Freundschaft. Als sie wieder verblassten, kam Ray sich wie ein Idiot vor, dass er ihm die Visitenkarte zugeworfen hatte. Doch nun ist Paul hier. Warum hat er zwei Wochen gewartet? War er einfach zu beschäftigt? Oder musste er seine Überlegenheit geltend machen, den Coolen spielen? Und warum spekuliert Ray überhaupt darüber? Warum ist ihm das so wichtig?
Paul nähert sich dem Tresen. Als sie sich kennenlernten, war er sehr groß, und man nahm allgemein an, dass er die 1,80 knacken würde, aber er hatte aufgehört zu wachsen bevor er zwanzig wurde.
»Paul.«
Sie schütteln sich die Hand. Pauls ist kalt, wie Ray feststellt. Er trägt einen Ehering. Auf der Innenseite seines Handgelenks befindet sich ein kleines Tattoo, aber das Motiv kann man schlecht erkennen.
»Danke fürs Kommen«, sagt Ray verlegen.
»Nein, also ja«, sagt Paul. Da die Wörter sich gegenseitig ausschließen, entsteht eine Stille. »Ich meine, ich hab mir die Karte angesehen.«
»Ja. Dachte, ich sollte mich irgendwie bemerkbar machen.«
»Coole Karte.«
»Danke.«
»Das also machst du jetzt?« Paul deutet mit dem Kopf auf die Halle, das elegante Ambiente und spitzt die Lippen. Es ist nicht ganz klar, ob das heißt, dass er beeindruckt oder dass er überrascht ist.
»Ich bin der Bar-Manager«, sagt Ray und befeuchtet mit der Zunge seine trockenen Lippen. »Schon seit ein paar Jahren.«
»Guter Job?«
»Ich mag ihn.«
Ray klammert sich in Gedanken an all die Erinnerungen, die von der Tiefe ihrer Freundschaft zeugen, als brauche er einen Halt in völliger Dunkelheit. »Und du?«, fragt er. »Was … machst du so?«
»Plattenladen«, sagt Paul.
»Klingt gut.«
»Nein, äh, ja, passt schon.«
Es ist nicht so, dass diese Gesprächspausen unüberwindlich wären. Ray könnte eine Menge tun, um ihre Konversation zu beleben. Er könnte Rupinder bitten, sich um die Bar zu kümmern, auch wenn der etwas gegen Alkohol hat. Er und Paul könnten sich an einen der Tische in der Ecke setzen, wo eine Unterhaltung ungezwungener wirken würde. Er könnte den Nostalgieknopf drücken, das wirksamste Mittel nach einer langen Trennung. Mit »Weißt du noch, als …« und »Ich frage mich, was aus dem und dem geworden ist« könnten sie locker eine halbe Stunde füllen. Danach und vor allem nach ein paar Drinks würde sich die anfängliche Steifheit langsam verflüchtigen. Sie könnten so mit Anstand ein paar Stunden absolvieren, worauf sie mit dem halbherzigen Vorsatz eines Wiedersehens auseinandergehen würden.
Aber das wird es dann auch gewesen sein – und diese sich allmählich formende Erkenntnis ist bitter und befreiend zugleich. Ray dachte öfter, dass die Zeit, die Umstände oder das Schicksal ihm diese große Freundschaft, dieses vollkommene Bündnis geraubt haben, doch so ist es nicht. Wenn sie sich damals nicht auseinanderentwickelt hätten, dann wäre es irgendwann später passiert. Paul und Ray sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere, die ähnlich zu sein schienen, die sich vielleicht in einer bestimmten, längst vergangenen Phase in oberflächlicher Hinsicht ähnlich waren. Sie werden das, was damals war, nicht wieder zum Leben erwecken können. Aber so schlimm ist das nun auch wieder nicht. Er kann dieses Kapitel abschließen, er kann es von der Liste der Dinge streichen, die er bedauert.
Das meiste im Leben passiert gar nicht, hat er hier einmal jemanden sagen hören. Vielleicht war es Howard, Howard sagt immer eine Menge solcher Sachen. Und je länger er hier arbeitet, desto besser glaubt er den Sinn dieses Satzes zu verstehen. Jeden Abend sieht er, wie Beziehungen hätten entstehen können, wie Geschäfte doch nicht abgeschlossen, wichtige Anrufe nicht getätigt werden. Neben jedem dieser Wege, die nicht eingeschlagen werden (wie er in Auseinandersetzungen mithört oder aus der Körpersprache schließt), gibt es weitere zehn, hundert, tausend vergleichbare Vorkommnisse, von denen er nichts weiß. In den letzten vierzehn Tagen hat Ray oft gedacht, dass die wunderbare und doch nie existente Männerfreundschaft mit Paul zu diesen nicht realisierten Möglichkeiten gehört.
Während er hinter der Bar steht, sich von Scherz zu Scherz hangelt und spürt, wie seine Erwartungen von Minute zu Minute sinken, wird Ray klar, dass viele dieser verpassten oder nicht wahrgenommenen Gelegenheiten entweder Illusionen sind oder es zumindest nicht wert, ihnen hinterherzutrauern. Man sagt immer, dass nichts ohne Grund geschieht; vielleicht gibt es ja auch einen Grund dafür, dass manche Dinge nicht geschehen. Es gibt nur den Augenblick, in dem man jetzt lebt.
Ohne auch nur einen dieser Gedanken auszusprechen, ja sogar ohne sie bewusst zu denken, ruft er Rupinder herbei und bittet Paul, sich hinten in der Ecke einen Tisch auszusuchen.


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog