Hotel Alpha

STORY 99: An der Rezeption (1980–2005)

Anmerkung: Diese Geschichte enthält Spoiler für den Roman.

24. Dezember 1980

»… die Postleitzahl ist N1 1HA. H wie Hotel, A wie Alpha. Die Postleitzahl haben wir extra so bestellt, haha. Pardon, nur ein kleiner Scherz.«
»Ha! Wirklich lustig.«
»Ich bin normalerweise gar nicht so ein Spaßvogel. Muss wohl die Festtagsstimmung sein, vermute ich.«
»Wie ist es Ihnen denn ergangen seit Ostern? War doch Ostern, dass wir das letzte Mal telefoniert haben, oder?«
»Ja, Ostern, genau. Danke, mir geht es sehr gut.«
»Das ist ja eine schreckliche Geschichte von dem Kerl in Neuseeland, den sie umgebracht haben, finden Sie nicht?«
»Ja, wirklich.«
»Und kürzlich John Lennon. Ich weiß nicht, ob Sie ein Fan von ihm waren …«
»Ich bin mit seinem Werk nicht sonderlich vertraut, muss ich zugeben, aber trotzdem …«
»Na ja, ich frage mich manchmal, was mit dieser Welt eigentlich los ist, also wirklich. Wie dem auch sei: Fröhliche Weihnachten und alles Gute fürs neue Jahr wünsche ich.«
»Ja, gleichfalls. Ich denke, wir sprechen uns wieder kurz vor Ostern.«
»Bis dann also!«

24. Dezember 1984

»Gleiche Postleitzahl wie immer.«
»Genau die gleiche!«
»Und … wie schlagen Sie sich so? Ich habe gehört, mit der Renovierung geht es gut voran …«
»Sogar ausgezeichnet. Wir sind wieder mehr oder weniger voll belegt. Nur am obersten Stockwerk wird noch gearbeitet. Das wird voraussichtlich Mitte nächsten Jahres fertig.«
»Und Howard?«
»Verzeihung …«
»Wie geht es Howard – ich meine, wie hat er das verdaut? Er war schließlich da mittendrin und musste mit ansehen, wie diese Frau – Sie wissen schon –, wie sie starb, und dann das Kind und all das …«
»…«
»Hallo?«
»Ja, ja, ich bin noch dran.«
»Kurz dachte ich, wir seien unterbrochen worden. Klang nach toter Leitung.«
»Nein, nein. Äh, also Howard hat sich mit seiner normalen, äh, mit der für ihn typischen Willenskraft wieder aufgerappelt.«
»Ein bewundernswerter Mann.«
»Ja, das ist er, in der Tat. Also ich … sollte jetzt Schluss machen. Aber ich wage zu behaupten, dass wir uns an Ostern wieder sprechen.«
»Na, dann bis dahin alles Gute. Ich hoffe, dass Sie das Hotel wieder auf Kurs kriegen und so, Sie wissen schon.«
»Ach, wir bleiben auf Kurs. Wir kriegen das hin, ohne Zweifel.«

24. Dezember 1986

»Das war doch furchtbar mit dem Space Shuttle, finden Sie nicht? Das habe ich an Ostern ganz vergessen anzusprechen.«
»Ja, da haben Sie recht, ganz furchtbar.«
»Finden Sie nicht, manchmal fragt man sich, ob solche Sachen passieren sollen? Ob es so etwas wie Vorsehung gibt, Sie wissen schon.«
»Nun ja, meine Kollegin hier hätte gerne, dass ich das glaube.«
»Ist sie das, die da im Hintergrund lacht?«
»Ja, sie … hey, lass das! Bitte verzeihen Sie, sie versucht, mir den Hörer aus der Hand zu reißen. Sehr unprofessionell. Wir hatten schon einen Drink, leider, und der … haha!«
»Kann ich Ihnen nicht verübeln. Klingt sehr lustig bei Ihnen da drüben.«
»Ich muss zugeben, das ist es. Professionell lustig, natürlich. Entschuldigen Sie!«
(Geräusche eines gespielten Kampfes)
»Ja gut, dann sprechen wir uns Ostern wieder.«
»Ja. Ja, bestimmt. Wenn ich bis dahin meine unmögliche Assistentin hier losgeworden bin, haha!«

24. Dezember 1990

»N1 1HA. Das ist die Postleitzahl – Hotel, Alpha. Das haben wir …«
»… extra so bestellt, ich weiß, den Witz habe ich schon mal gehört.«
»Haha!«
»Haben Sie sich denn die Weltmeisterschaftsspiele angesehen?«
»Ich interessiere mich ja mehr für Rugby, aber doch, es ist ja ziemlich spannend geworden. Wir haben viele Spiele auf unserer großen Leinwand gezeigt, und Jonathan hat sie für Chas kommentiert, der …«
»Wer ist Chas?«
»Ach, der Junge. Der, den …«
»… den Howard gerettet hat, ach ja, klar. Wie geht’s ihm denn?«
»Ganz ausgezeichnet. Er hat jetzt eine Privatlehrerin, und er ist wirklich ein kluges Kerlchen.«
»Das muss für Howard doch sehr erfüllend sein.«
»Das, äh, ja, das ist es, sicher.«
»Also gut … ich gebe die Bestellung weiter, und dann bis Ostern, würde ich sagen.«
»Ja gut, bis dann also.«
»Wo geht sie nur hin?«
»Verzeihung?«
»Die Zeit.«
»Ach so.«

24. Dezember 1993

»Na, bereiten Sie sich schon auf den großen Tag vor?«
»Den großen Tag?«
»Das Mittagessen am zweiten Weihnachtstag.«
»Ach das. Ja, da laufen die üblichen Vorbereitungen. Das geht alles mehr oder weniger seinen Gang, denke ich.«
»Und? Hatten Sie ein gutes Jahr? Ich muss mich übrigens entschuldigen, weil wir Ostern nicht telefoniert haben, ich hatte einen Anflug von Grippe. Aber ich bin sicher, meine Vertretung hat Sie gut betreut.«
»Absolut, das hat sie, sicher, obwohl ich unseren kleinen Plausch natürlich vermisst habe, haha!«
»Ist das Ihre Assistentin, die im Hintergrund lacht?«
»Bitte?«
»Die Dame, die …«
»Agatha. Nein, es ist … also, die ist leider weg. Sie ist im letzten Jahr gegangen.«
»Ach. Das ist aber schade.«
»Ja. Gut, also dann … werde ich mich mal auf die Vorbereitungen stürzen, und wir sprechen uns Ostern, würde ich sagen.«
»Ja. Ich glaube, es fällt im nächsten Jahr auf das erste Aprilwochenende.«
»Das ist schneller da, als wir schauen können.«
»Ja, das stimmt.«

24. Dezember 1997

»Ich weiß ja nicht so recht, was ich von diesem Blair halten soll, und Sie?«
»Na, auf jeden Fall scheint er auf dem aufsteigenden Ast zu sein.«
»Ja, da haben Sie recht.«
»Er kam letztes Jahr sogar mal zu uns ins Hotel – um unsere Computer anzuwerfen. Ein recht beeindruckender Bursche.«
»Mal sehen, die Zeit wird zeigen, was er taugt.«
»So ist es.«
»Wir sprechen uns dann nächstes Jahr wieder. Alles Gute Ihnen zu Weihnachten und fürs neue Jahr.«
»Ihnen auch.«

24. Dezember 1999

»Also, was mich betrifft, ist das Jahr 2000 ein neues Jahrhundert, und damit hat sich’s.«
»Da würde ich Ihnen zustimmen.«
»Denken Sie, alle unsere Computer werden explodieren und was noch alles?«
»Ich bin nicht der richtige Ansprechpartner für so eine Frage, haha! Aber Chas scheint mir recht zuversichtlich, dass es nicht passieren wird.«
»Wie geht es Chas denn?«
»Ach, sehr gut. Er arbeitet jetzt für eine Dame namens Lara Krohl, die …«
»Ach ja, die kenne ich. Oder besser gesagt, ich hab von ihr gehört. Sie hat eine Promotion organisiert – was immer das auch ist –, die in einem unserer Nebenräume stattfand. So eine Art Werbeveranstaltung, Sie wissen schon.«
»Ja, ich habe eine ungefähre Vorstellung.«
»Die Welt dreht sich ganz schön schnell, was? Wissen Sie, dass es zwanzig Jahre her sein muss, dass wir zum ersten Mal telefoniert haben?«
»Ja, da haben Sie recht, glaube ich.«
»Zwanzig Jahre!«
»Ja, das ist schon was Besonderes!«
»Wie geht’s Howard?«
»Ach, eigentlich wie immer. Er plant einen Hubschrauberflug für Sarah-Jane zum Jahrhundertwechsel oder Millennium oder weiß der Teufel, wie das heißt. Haha!«
»Ein bewundernswerter Mann!«
»Ja.«
»Na, dann schöne Weihnachten und alles Gute zum neuen Jahr für Sie und – ach, haben Sie eigentlich Familie? Ich habe Sie das nie gefragt, glaube ich.«
»Ja, eine Frau und … und zwei Kinder. Meine Tochter hat auch einen Sohn. Mein Enkelsohn.«
»Verstehe. Ich habe selbst zwei Enkelkinder. Das ist doch was Schönes, finden Sie nicht? Gerade in dieser Jahreszeit.«
»Das ist es. Aber … jetzt sollte ich wirklich auflegen. Wir sprechen uns …«
»An Ostern, ja. Im Jahr 2000! Wo ist sie bloß hin?«
»Äh, bitte?«
»Die Zeit, wo ist sie hin?«
»Ach so. Ja, ja.«

24. Dezember 2003

»H-A. Hotel, Alpha. Was natürlich … na, ich vermute, Sie brauchen heutzutage die Postleitzahl gar nicht mehr.«
»Nein, das können die alles im Internet nachschauen, denke ich, und die Bestellung ist ja auch schon …«
»Ja, die Bestellung wurde schon per E-Mail geschickt. Aber ich dachte, ich rufe trotzdem an, vorsichtshalber.«
»Völlig richtig! Die alten Methoden haben noch nicht ganz ausgedient, nicht wahr?«
»Noch nicht ganz, nein.«
»Was macht die Familie? Ihr Enkel?«
»Er, das heißt, sie sind weggezogen, leider, nach Inverness.«
»Du meine Güte, das ist ja ganz schön weit weg.«
»Sie sagen es.«
»Meine Güte.«
»Ja.«
»Das war doch eine Leistung mit der Rugby-Weltmeisterschaft. Haben Sie es denn gesehen?«
»Das habe ich, trotz der frühen Stunde. Ja, das war wirklich eine enorme Leistung.«
»Gut dann, ich muss Schluss machen.«
»Ja, ich auch.«
»Ich freu mich schon auf Ostern.«
»Ja, natürlich, ich mich auch. Wir sehen uns, sozusagen.«

9. Juli 2005

»Ja bitte?«
»Hier ist Graham Adam, vom Alpha. Wir telefonieren … also wir haben normalerweise immer … Wir telefonieren jetzt tatsächlich schon seit 25 Jahren miteinander.«
»Ja, ja, natürlich! Aber du liebe Güte, das ist jetzt wirklich eine Überraschung. Ich glaube nicht, dass wir je wann anders als …«
»Nein, haben wir nicht. Aber die Sache ist die: Ich werde gehen.«
»Weg vom Alpha?«
»Ja.«
»Endgültig?«
»Na, zumindest auf absehbare Zukunft, wie man so schön sagt. Und ich nehme Chas … ich habe vor, ihn mitzunehmen.«
»Du meine Güte.«
»Ja. Und deshalb wollte ich Ihnen unbedingt sagen, dass es mir immer eine Freude war, mit Ihnen an all den Weihnachten und Ostern zu telefonieren.«
»Ja, gleichfalls. Ging mir auch so.«
»Und ich wollte Ihnen alles Gute wünschen, bei allem, was Sie noch so vorhaben in Zukunft.«
»Das wird nicht das Gleiche sein, an Heiligabend, ohne Ihren Anruf.«
»Na dann sollte ich vielleicht auf jeden Fall anrufen, egal, wo ich bin. Haha!«
»Wissen Sie denn nicht, wo Sie sein werden?«
»Genau genommen weiß ich es noch nicht. Nicht im Augenblick.«
»Du meine Güte!«
»Ja.«
»Na dann … also wenn und falls Sie nach London zurückkommen, vielleicht schauen Sie dann mal vorbei; und wir gehen zusammen was trinken.«
»Das wäre wirklich nett. Ich stelle übrigens gerade fest, dass ich tatsächlich – also ich habe doch tatsächlich nie Ihren Namen erfahren.«
»Oh! Na so was aber auch. Ich heiße Peter. Peter Flint.«
»Peter Flint.«
»Genau.«
»Na dann, Mr. Flint, müssen wir auf jeden Fall … was trinken gehen und plaudern, wenn ich wieder mal hier bin.«
»Ja. Und passen Sie auf sich auf, Mr. … Mr. Adam, oder?«
»Ja. Das mache ich. Ich werde auf mich aufpassen, ohne Zweifel.«
»Tja, nun, dann, auf Wiederhören.«
»Auf Wiederhören.«


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